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Harte Vorbereitung zahlt sich aus

Feldspieler machen den Torleuten das Leben zunehmend schwer

von Kevin Woodley / NHL-Korrespondent

Goalie Braden Holtby von den Washington Capitals hat eine Theorie, weshalb eine Schar Teenager nach dem ersten Viertel der Saison um die vorderen Plätze in der Scorer-Wertung der NHL mitmischt. Nach seiner Einschätzung arbeitet die neue Stürmergeneration ähnlich hart daran, ihre Fertigkeiten zu verbessern, wie es die Torleute schon seit 15 Jahren tun.

"Sie holen auf. Überall sind auf einmal Techniktrainer am Werk", sagt Holtby. "Torwarttrainer gibt es ja schon seit Jahren. Die spezifischen Einheiten mit ihnen haben uns im Laufe der Zeit immer besser gemacht. Als ich aufgewachsen bin gab es jedoch keinen, der dir das Toreschießen oder Spielzüge beigebracht hat. Das hat man sich entweder im Fernsehen abgeschaut oder durch harte Arbeit selbst angeeignet. Das ist inzwischen anders. Jetzt kommen all diese jungen Spieler nach, die mit speziellen Übungsleitern trainieren, seit sie sechs oder sieben Jahre alt sind. Der Kreis schließt sich, was die Ausbildung anbelangt."

Natürlich haben die meisten Angreifer oder Verteidiger in den vergangenen Jahren viel getan, um größer, schneller und stärker zu werden. Aber was positionsbezogenes Training anbelangt, waren ihnen die Torhüter stets voraus. Schon seit den frühen 2000-er Jahren wurde deren Spiel gründlich mit Hilfe von Videoaufnahmen samt Zeitlupen analysiert. Man identifizierte so Lücken in der Torabdeckung oder verzögerte Bewegungen, die technischen oder körperlichen Mängeln geschuldet waren.

Video: TOR@EDM: McDavid kann Andersen bezwingen

Stürmer unternehmen nun ähnliche Anstrengungen. Wie zum Beispiel der 19-jährige Connor McDavid, Center der Edmonton Oilers, der die NHL mit 34 Punkten (elf Tore, 23 Vorlagen) nach 25 Spielen anführt. Schon in jungen Jahren legte er Wert darauf, seine Fertigkeiten am Puck stetig zu verbessern. Wie früher bei den Torleuten, ließ er auch seine Bewegungsabläufe und die Technik sezieren.

"Ich mache regelmäßig spezielles Training mit Analysen. Das ist heutzutage sehr wichtig", sagt McDavid. "Auf dem Eis ist nicht viel Platz. Da musst du in der Lage sein, deinen Job auf der Fläche einer Telefonzelle zu erledigen. Man muss mit dem Puck am Schläger mit hoher Geschwindigkeit spielen können. Viele Jungs bekommen den Puck und werden dann erst einmal langsamer. Ich glaube nicht, dass man auf diese Weise gelungene offensive Aktionen erzeugt."

McDavids Stürmerkollege Ryan Nugent-Hopkins von den Oilers ist zwar erst 23 Jahre alt. Doch selbst er erkennt bereits einen Unterschied in der Trainingsmethodik zu den noch jüngeren Spielern. "Die Jungs in Connors Alter machen eine Menge Sachen, die selbst ich so noch nicht praktiziert habe. Das betrifft Dinge wie den Umgang mit dem Schläger oder die Schusstechnik", erzählt er.

Video: EDM@ARI: McDavid stürmt heran und trifft

Die Entwicklung beeinflusst auch mehr und mehr die Arbeit der Trainer in den Torwart-Ausbildungszentren. Beim Network Goaltending Symposium im August in Madison trafen sich über 100 Torwarttrainer. Sie erhielten Anschauungsunterricht von Schuss-Coach Ron Johnson. Zu seinen Schützlingen zählen unter anderem Stürmer Ryan Kessler (Anaheim Ducks), Joe Pavelski (San Jose Sharks) und Dylan Larkin (Detroit Red Wings). Er erläuterte den Kollegen an einigen Beispielen, mit welchen Tricks die Stürmer versuchen, die Torleute zu täuschen.

Zum Torhüter-Camp NET360 in Kelowna war Techniktrainer Tim Turk eingeladen. Nicht nur, um mit Spielern wie Verteidiger Justin Schultz (Pittsburgh Penguins) und Angreifer Andrew Ladd (New York Islanders) zu arbeiten, sondern auch mit acht NHL-Goalies. Sie sollten lernen, worauf die Schützen beim Torwart achten.

"Die Feldspieler erkennen genau, wohin sie den Puck schießen müssen. Sie setzten bei ihren Aktionen geschickt das Schlägerblatt ein, um den Puck hin und her zu schieben und wollen so eine Reaktion bei uns provozieren", sagt Holtby. "Das hat es zwar schon immer gegeben. Aber man merkt jetzt, dass es gezielter geübt worden ist."

Die Torwarttrainer der NHL spielen zudem einen wichtigen Part, wenn es darum geht, Schwächen des gegnerischen Schlussmanns auszumachen. Sie studieren Videomaterial, um Lücken in der Deckung auszumachen. Und genauso, wie Torhüter und Ausrüsterfirmen damit beschäftigt waren, diese Lücken über die Jahre zuschließen, versucht die neue Stürmergeneration alles, sie herauszufinden.

Video: EDM@WPG: Laine trifft im PP mit einem Hammer

Es sind dabei nicht nur die großen Kaliber, wie der 18-jährige Rookie Patrik Laine von den Winnipeg Jets (15 Tore in 26 Partien), die den Torhütern das Leben schwer machen. "Die gesamte Generation, die jetzt in die Liga drängt, hat alles drauf", meint Torwart Ryan Miller von den Vancouver Canucks. "Früher gab es Spieler mit einem guten Schlagschuss und andere mit einem guten Handgelenkschuss. Heute beherrscht jeder jede Art von Schüssen."

Sein Kollege Craig Anderson von den Ottawa Senators pflichtet ihm bei. "Du siehst die jungen Burschen vor dir und auf einmal schlägt es ein. Und du fragst dich: Wie um alles in der Welt hat er das gemacht?" Als Beispiel nennt er seinen früheren Mannschaftskameraden Matt Duchene, der jetzt bei der Colorado Avalanche unter Vertrag steht. "Es lohnt sich auf jeden Fall im Sommer fleißig an seinen Fertigkeiten zu arbeiten, statt mit einer Kiste Bier an der Playstation zu stehen", fügte er augenzwinkernd hinzu.

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