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Flames mit einem Lebenszeichen

von Bernd Roesch / NHL.com

Das Honda Center erweist sich schon seit längerem als schlechtes Pflaster für die Calgary Flames. Am vergangenen Sonntag verloren die Kanadier zum 21. Mal hintereinander in Anaheim. Calgarys letzter Sieg bei den Ducks datiert aus dem Jahre 2006. Die Flames müssen diese Negativserie beenden, um sich die Chance auf ein Weiterkommen zu erhalten. Voraussetzung ist aber auch, dass sie in der diesjährigen Playoffserie gegen Anaheim ihre Partien vor heimischer Kulisse gewinnen.

Vor ihrem ersten Heimauftritt in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nahm Calgarys Headcoach Bob Hartley den Druck des Siegenmüssens von seinen Spielern: "Für uns zählen diese Playoffs zu einem Lernprozess. Im ersten Drittel von Spiel 2 standen wir wie Fremdkörper auf dem Eis. In allen Belangen waren sie [Ducks] uns überlegen."

Einzig und allein ihrem Torwart Karri Ramo, der in den ersten 20 Minuten 19 Torschüsse abwehren konnte, hatten es die Flames zu verdanken, dass sie zur ersten Pause nur mit 0-1 hinten lagen. Mit dem Auftritt seiner Mannschaft in der letzten halben Stunde durfte Hartley etwas zufriedener gewesen sein, und das, obwohl sich die Gäste nur wenige Torchancen herausspielen konnten. Die Flames wären jedoch nicht die Flames, würden sie sich ganz ohne Gegenwehr geschlagen geben. Verteidiger TJ Brodie brachte es auf den Punkt: "Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Wir geben jetzt noch nicht auf. Die Jungs wissen genau was zu tun ist. Nun müssen wir es auch umsetzen."

Es handelte sich nicht um leere Worte des 24-jährigen Kanadiers. Im Scotiabank Saddledome von Calgary präsentierte sich, vor einer beeindruckenden Kulisse von über 19.000 Zuschauern, ein auf den Gegner gut eingestelltes Team. Über 60 Minuten kann man keine Stürmer von Weltformat, wie einen Corey Perry, Ryan Getzlaf oder Ryan Kesler aus dem Spiel nehmen, wenn sie sich in Topform befinden. Doch die Flames gaben ihr Bestes den Wirkungskreis von Anaheims Topstars einzuschränken. Tief stehend und auf Konter lauernd, ließen sie im Vergleich zu den ersten zwei Aufeinandertreffen nur wenige Torschüsse zu. Viele Versuche der Kalifornier wurden geblockt, so dass Ramo erst gar nicht eingreifen musste. Flames taktischem Konzept kam entgegen, dass bereits nach 127 Sekunden Brandon Bollig für die Führung sorgte. Anschließend spielten die Ducks ihre individuelle Klasse aus und rückten die Kräfteverhältnisse bis zur ersten Drittelpause wieder zurecht. Von diesem Rückstand meldeten sich die Hausherren, mit Unterstützung ihrer frenetischen Fans, ebenso zurück, wie nach dem 2-3 von Ducks Linksaußen Matt Beleskey.

Nicht zum ersten Mal in diesen Playoffs konnte Calgarys junge Truppe ein Spiel noch zu ihren Gunsten drehen, in dem sie nach zwei Dritteln hinten gelegen waren. Das gleiche Kunststück war ihnen in der ersten Runde zweimal gegen die Canucks gelungen.

Im Schlussabschnitt drehten die Flames noch einmal auf und es entwickelte sich ein wahrer Eishockeykrimi, bei dem Ducks Schlussmann Frederik Andersen des Öfteren im Mittelpunkt gestanden war. Die Ducks tauchten, auch wegen mehrerer Strafzeiten die sie sich im dritten Drittel eingefangen hatten, nur noch selten gefährlich vor dem Gehäuse ihrer Gastgeber auf.

Andersen wehrte zehn Schüsse der Flames ab, der elfte der auf seinen Kasten kam war einer zu viel. Bei Überzahl ersetzte Hartley seinen Keeper durch einen weiteren Feldspieler. Mit zwei Mann mehr auf dem Eis nahm sich Johnny Gaudreau ein Herz und versenkte die schwarze Hartgummischeibe zum Ausgleich im Netz. Overtime!

"Das war richtig aufregend", beschrieb der Torschütze seine Eindrücke und fügte hinzu "Viele haben heute Abend alles gegeben und ich bin sehr glücklich, dass auch ich dazu meinen Beitrag leisten konnte." Für das Happy End gegen die hochfavorisierten Ducks, die in den diesjährigen Playoffs ihre ersten sechs Spiele gewonnen hatten, sorgte Center Mikael Backlund nach knapp fünf Minuten in der Verlängerung. Gegen die Gäste war eine Strafzeit angezeigt, Ramo verließ daraufhin sein Tor, Backlund kam als zusätzlicher Stürmer aufs Eis und erwies sich als Glücksgriff. Vom Slot feuerte er einen Schuss ab und der Puck zappelte im Kasten.

Der Siegtorschütze war im Anschluss der Partie ein vielgefragter Interviewpartner. Immer wieder musste er beschreiben, wie er seinen ersten NHL-Playofftreffer gesehen hat: "Zuerst dachte ich gar nicht, dass der Puck reingegangen ist, dann sah ich die Reaktionen auf den Rängen, sah, wie die Fans verrückt wurden und auch meine Mannschaftskameraden jubelten. Das ist ein unglaubliches Gefühl, das man nur sehr schwer beschreiben kann. Ich wusste auch gar nicht, wie ich darauf reagieren solle."

Calgarys Anhänger wünschen sich sicher, dass der 26-jährige Schwede, der schon vor über sechs Jahren, am 8. Januar 2009, sein Debüt im Trikot der Flames gab, sich noch öfters diese Frage stellen muss.

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