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Es könnte gar allzu garstig werden

Capitals Sieg in Spiel 3 und der Ausfall von Sidney Crosby könnte der Wendepunkt in der Serie sein

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Als Sidney Crosby nach dem Morning Skate vor Spiel 3 der Eastern Conference Playoffserie gegen die Washington Capitals davon sprach, dass sie schon während der regulären Saison, aufgrund diverser verletzter Spieler ausreichend Gelegenheit hatten, in verschiedenen Formationen durchzuspielen und jeder von ihnen, unabhängig davon mit wem er in einer Reihe steht, genau seine Rolle kennt, die er einzunehmen hat, wusste der Teamkapitän der Pittsburgh Penguins noch nicht, dass seine Mannschaft im folgenden Aufeinandertreffen fast 58 Minuten lang ohne ihn auskommen müsse.

Knapp 5 1/2 Minuten waren in der Begegnung am Montag absolviert, als Crosby bei einem 2-gegen-1 Konter zunächst mit dem Schläger von Alex Ovechkin Bekanntschaft machte und anschließend im Straucheln auf Washingtons Verteidiger Matt Niskanen traf, der ihn per Crosscheck am Kopf den Knockout gab. Die Penguins verloren ohne ihren Superstar die Heimpartie mit 2-3 Toren nach Verlängerung und liegen nun in der Serie anstatt mit 3-0 nur noch mit 2-1 vorne.

Es war von Beginn an müßig darüber zu spekulieren, durch welche, der insgesamt drei aufeinanderfolgenden Szenen, der wohl beste Eishockeyspieler der Welt außer Gefecht gesetzt wurde. War es Ovechkins Treffer im Gesicht? Hat sich Crosby eventuell das Knie verdreht oder war es Matt Niskanens, beabsichtigtes oder unbeabsichtigtes, auf jeden Fall regelwidriges Eingreifen mit seinem Schläger?

Am Dienstag verkündete Penguins Cheftrainer Mike Sullivan die traurige Nachricht, dass sich Crosby eine Gehirnerschütterung zugezogen habe und mindestens für Spiel 4 ausfallen wird.

Selbstverständlich unterstellt manch ein Spieler der Penguins Niskanen Absicht. Kein Blatt vor dem Mund nahm Pittsburghs Stürmer Chris Kunitz, der eloquent einen Zusammenhang zwischen der Dominanz von Crosby in dieser Serie (2 Tore, 2 Assists in den ersten zwei Partien) und dem Vorfall herstellte.

Video: WSH@PIT, Sp3: Crosby mit Verletzung früh im 1. raus

Die Capitals weisen einen solchen Verdacht gegenüber ihres US-amerikanischen Verteidigers von sich und sprechen dagegen von einer unglücklichen Aktion.

"Wenn man sich das anschaut, dann läuft Sid quer rüber, Holtby kommt mit seiner Kelle raus ... dann muss sich Niskanen zum hinteren Pfosten orientieren, da dort die Scheibe hinkommt und er läuft in ihn rein. Unglücklicherweise hat sich Sid dabei verletzt. In bin mir nicht sicher, ob du derjenige sein möchtest, der in einer solchen Situation lieber die Hände über den Kopf zusammenschlägt. Das ist eben Eishockey", verteidigte Washingtons Trainer Barry Trotz seinen Schützling gegenüber NHL.com.

Argumente gibt es für beide Sichtweisen, doch Gewissheit gibt es keine. Vielleicht liegt auch hier, wie so oft im Sport, die Wahrheit in der Mitte. Die Zeit der Stanley Cup Playoffs ist jedoch nicht der richtige Moment, um sich dem Kontrahenten entgegenkommend zu verhalten oder sich verbal auf einen Kompromiss einzulassen.

Unabhängig davon, dürfte durch diese Partie der Verlauf der Serie eine Wende genommen haben. Die Capitals wissen nun, dass sie die Penguins bezwingen können, wenn sie mit noch mehr Körpereinsatz agieren, Checks ausfahren, den Gegner zum 'Small Talk' bitten, nachdem das Spiel bereits unterbrochen ist und zwischendurch auch das eine oder andere Mal die Grenzen des Erlaubten überschreiten - sie überstanden nicht nur die gegen Niskanen verhängte fünfminütige Große Strafe im ersten Spielabschnitt schadlos, sondern auch drei Unterzahlsituationen im Mitteldrittel.

Pittsburghs Überzahlspiel fehlte es an Effektivität, so dass ihre Powerplayerfolgsquote aus den letzten drei Partien auf zehn Prozent zusammengeschrumpft ist (1 von 10). Die Eishockeyweisheit, dass man auf der Strafbank keine Spiele gewinnen könne, zählte diesmal nur für die Gäste, die zwar die Härte ins Spiel brachten, doch am Ende durch zwei Powerplaytreffer, darunter Kevin Shattenkirks Siegtor in der Verlängerung, als einzige von ihr profitieren konnten.

Für Spiel 4, das erneut in der PPG Paints Arena von Pittsburgh stattfinden wird (Mittwoch, 7:30 p.m. ET), darf man sich auf einen heißen Tanz gefasst machen, der im Vorfeld aber auch viele Fragezeichen in sich birgt.

Werden die Penguins den Fehdehandschuh aufheben, der ihnen hingeworfen wurde? Das würde bedeuten, dass das nächste Aufeinandertreffen noch garstiger geführt werden könnte als das vergangene. Für Pittsburgh käme es dann vielleicht zu einem bösen Erwachen, denn bei den Special Teams sind die Capitals mit einer Überzahlquote von 29,6 Prozent und einer Unterzahlerfolgsquote von 85,7 Prozent unter den acht in den Playoffs verbliebenen Teams ligaspitze. Andererseits werden sich die Penguins auch nicht den Schneid abkaufen lassen wollen und gezwungen sein dagegenhalten zu müssen. Auf das Schiedsrichtergespann könnte da eine Menge Arbeit zukommen.

Werden sich die Reihen der verletzten Penguins-Spieler, inklusive des kaum ersetzbaren Crosby, lichten oder schafft es Pittsburgh erneut seiner Verletztenmisere zu trotzen? Sullivan ist sich sicher, dass das Letztgenannte gelingen wird: "Diese Truppe zeigt so viel Charakter und Talent, so dass wir Verletzungsausfälle kompensieren können. Heute Abend haben wir es geschafft [in den letzten 113 Sekunden retteten sie sich mit zwei Toren in die Verlängerung] und wir werden es auch weiterhin schaffen. Die Jungs suchen niemals nach Ausreden."

Pittsburghs erfahrener Stürmer Patric Hornqvist schlug am Dienstagmorgen in die gleiche Kerbe: "Wir waren schon oft in einer solchen Situation und konnten damit umgehen." Eine Wende in der Serie sieht er durch Crosbys Ausfall nicht. "Sie [Capitals] haben das letzte Spiel doch erst in der Overtime gewonnen." Auf eine Diskussion, ob die Aktion gegen Crosby vorsätzlich war, wollte er sich gar nicht erst einlassen. "So ist halt Eishockey. Wir müssen uns jetzt aufs nächste Spiel konzentrieren und bereit sein es anzugehen."  

Stellt sich noch die Frage, ob die Capitals das Momentum aus Spiel 3 mitnehmen können? Zuzutrauen ist es Trotz' Mannen. Sollten sie erneut so engagiert zu Werke gehen wie zuletzt - bitte diesmal ohne Verletzungsfolgen für irgendeinen Spieler des Gegners - dann könnte es tatsächlich ein Wendepunkt gewesen sein.

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