Skip to main content

Miracle on Ice. Das Unmögliche wird wahr

Ein Bild und 1000 Worte: Eine US-Auswahl mit College-Spielern bezwingt die Sbornaja bei Olympia 1980

von Bernd Rösch @NHLde / NHL.com/de Chefautor

Im Deutschen gibt es die Redewendung 'Ein Bild sagt mehr als tausend Worte'. NHL.com/de holt an jedem dritten Samstag im Monat ein berühmtes Eishockeyfoto aus den Archiven hervor und beschreibt es in 1000 Wörtern.

Heute: Miracle on Ice. Als eine aus College-Spielern zusammengesetzte US-Auswahl in Lake Placid gegen die übermächtige Star-Truppe aus der Sowjetunion gewinnt.

Wie das Wunder von Bern bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 als Deutschland, die als unbezwingbar geltenden Ungarn mit 3:2 im Endspiel bezwang oder der Wimbledon-Sieg eines 17-jährigen Tennisspielers namens Boris Becker im Jahre 1985, zählt das 'Miracle on Ice' zu den eindrucksvollsten Ereignissen der Sport-Geschichte.

Wenn ein David gegen einen Goliath antritt, dann schlagen die meisten Herzen für den Außenseiter. Daumen werden immer fester für den Underdog gedrückt und der Pulsschlag nimmt stetig zu, umso wahrscheinlicher es wird, dass die Sensation tatsächlich eintritt.

Die Aufnahme der sich überschwänglich freuenden Spieler und Fans zierte ohne Schlagzeile oder Beschreibung das Titelbild der Sports Illustrated vom 3. März 1980. Eine Erklärung wäre ohnehin nicht nötig gewesen, denn jeder US-Bürger wusste, welches unfassbare Ereignis hier abgelichtet wurde.

Am 22. Februar 1980 trafen in der Finalrunde des Eishockeyturniers der XIII. Olympischen Winterspiele von Lake Placid die USA auf die Sowjetunion. Es war nicht, wie man heutzutage vermuten möchte, eine Begegnung zweier ebenbürtiger Eishockeynationen, sondern das Duell einer aus US-College-Spielern zusammengesetzten Truppe gegen die vermeintlich unschlagbare Sbornaja. Bei Olympischen Spielen durften nur Amateure antreten. Offiziell waren auch die Eishockeystars der Sowjetunion als Angehörige der Armee keine Profis, doch sie trainierten wie welche - tagein, tagaus.

Boris Mikhailov führte als Kapitän die Sowjet-Auswahl an, die durchwegs aus grandiosen Eishockeyspielern bestand und so gut eingespielt war, wie keine andere Nationalmannschaft auch nur annähernd. Der Großteil von ihnen spielte bei ZSKA Moskau. Zu den erfahrenen Kufenkünstlern zählte, neben dem 35-jährigen Mikhailov, Schlussmann Vladislav Tretiak, Verteidiger Valeri Vasiliev sowie die Stürmer Valeri Kharlamov und Vladimir Petrov. Gemeinsam hatten sie bereits 1972 und 1976 Olympisches Gold gewonnen. Große Namen wie Viacheslav Fetisov, Alexei Kasatonov, Vladimir Krutov und Sergei Makarov standen als begnadete Eishockeyspieler am Anfang ihrer grandiosen Karriere.

Und auf der Gegenseite? Kapitän Mike Eruzione und Buzz Schneider waren die einzigen im Kader der USA, die das 25. Lebensjahr bereits überschritten hatten. Das Durchschnittsalter der US-Boys, die aus Minnesota, Bowling Green, Wisconsin, North Dakota und von der Boston University kamen, betrug gerade einmal 21,75 Jahre. In einem Vorbereitungsspiel für das Olympische Turnier hatten sie von dem übermächtigen Gegner aus dem Osten Europas mit 3:10-Toren noch eine gehörige Backpfeife bekommen, und das, obwohl sie, oder eher weil sie US-Coach Herb Brooks während eines 18-monatigen Trainingslagers richtig hart herangenommen hatte.

Verlustpunktfrei in fünf Spielen und mit einem Torverhältnis von 51:11 zogen die Sowjets in die nächste Runde ein. Auch die US-Amerikaner blieben in ihrer Gruppe ungeschlagen, leisteten sich aber ein 2:2-Unentschieden gegen Schweden zum Turnierauftakt.

In der ersten Finalrunden-Partie kam es vor 8500 Zuschauern im Olympic Fieldhouse zum Showdown der Weltmächte. Brooks wusste, dass seine Jungs mit rein spielerischen Mitteln nicht den Hauch einer Chance haben. Mit viel Körpereinsatz sollten sie die gegnerische Torfabrik sabotieren und erst gar nicht zum Laufen bringen.

Das Unterfangen schien nicht aufzugehen: Es waren gerade einmal neun Minuten absolviert als Vladimir Krutov einen Kasatonov Schlagschuss, an US-Goalie Jim Craig vorbei, zum 1:0 abfälschte. Nun nahm die Partie richtig Fahrt auf: Schneider egalisierte mit einem wuchtigen Distanzschuss über die Schulter von Tretiak nach einer knappen Viertelstunde den Spielstand. Die Sowjets erhöhten das Tempo und wurden durch Makarov mit der erneuten Führung belohnt. Als die letzten Sekunden im ersten Drittel angebrochen waren, schlug Ken Morrow aus der eigenen Hälfte die Scheibe tief, Mark Johnson nahm sie auf, lief zwei Verteidigern davon und versenkte sie nach 19:59 (!) Minuten zum 2:2-Ausgleich.

UdSSR-Coach Viktor Tikhonov traf in der ersten Pause eine folgenschwere Entscheidung: Er nahm Tretiak aus dem Kasten und ersetzte ihn durch Vladimir Myshkin. Die Sowjets waren im zweiten Durchgang haushoch überlegen, kamen aber gegen den über sich hinauswachsenden Craig nur zu einem Powerplaytreffer von Aleksandr Maltsev, so dass es mit einem knappen 3:2 in den Schlussabschnitt ging. Im dritten Durchgang sollte sich rächen, dass Myshkin kaum geprüft worden war, und dass bei den Sowjets angesichts ihres Sturmlaufs die Kräfte schwanden. In der 47. Minuten hatten die Amerikaner einen Mann mehr auf dem Eis und Johnson erwischte Myshkin kalt. Nur 81 Sekunden später brachte Eruzione die Eishalle zum Beben - 4:3!

Schier endlos kamen einem die noch verbleibenden zehn Minuten dieser Abwehrschlacht vor: Die US-Boys machen mit fünf Mann plus Smith ihren Kasten dicht. Die Sowjets lassen einen Angriff nach dem anderen folgen, agieren jedoch, von der Situation überrascht oder auch überfordert, viel zu überhastet und knallen die Scheibe häufig tief. An der Bande gewinnen aber die noch frischer wirkenden College-Jungs die Zweikämpfe.

Während er den Countdown runterzählte äußerte TV-Kommentator Al Michaels den berühmtesten Ausspruch der US-Sportgeschichte: "Glauben sie an Wunder? Ja!"

Dem Wunder ließ Brooks-Auswahl am 24. Februar ein 4:2 gegen Finnland und damit den Gewinn der Olympischen Goldmedaille folgen - der bis dato letzten einer US-Nationalmannschaft.

13 der 20 Goldmedaillengewinner erhielten einen Vertrag bei einem NHL-Team, nicht jeder von ihnen konnte sich durchsetzen. Olympiaheld Craig, dessen Ausrüstung in der Hockey Hall of Fame zu bewundern ist, kam von 1980 bis 1984 auf 30 Einsätze für die Atlanta Flames, Boston Bruins und Minnesota North Stars. Verteidiger Morrow schloss sich den New York Islanders an und gewann mit ihnen von 1980 bis 1983 viermal in Folge den Stanley Cup. Auf über 1000 NHL-Partien brachten es Verteidiger Mike Ramsey (1070 Spiele, 79 Tore, 266 Assists) sowie die Stürmer Neal Broten (1099 Spiele, 289 Tore, 634 Assists) und Dave Christian (1009 Spiele, 340 Tore, 433 Assists).

Sechs Spieler der Sbornaja bekamen aufgrund der Glasnost-Politik von Michail Gorbatschow die Erlaubnis zur Saison 1989/90 in die NHL zu wechseln: Balderis bestritt 26 Partien für die North Stars, Starikov deren 16 für die New Jersey Devils, Kasatonov war in 383 Spielen für die Devils, Mighty Ducks of Anaheim, St. Louis Blues und Bruins aktiv, Krutov absolvierte 61 Partien für die Vancouver Canucks, Makarov ging in 424 Partien für die Calgary Flames, San Jose Sharks und Dallas Stars auf Punktejagd und Fetisov gewann, nach seinem Wechsel von den Devils zu den Detroit Red Wings während der Saison 1994/95, in den Jahren 1997 und 1998 den Stanley Cup.

 

[Ähnliches: Neue Erfahrung für Nico Hischier zum Saisonende]

 

US-Erfolgscoach Brooks ging 1980 in die Schweiz zum HC Davos, kehrte aber schnell der Alpenrepublik wieder den Rücken und trainierte in der NHL die New York Rangers (1981-1985), die North Stars (1987-1988), die Devils (1992-1993) sowie die Pittsburgh Penguins (1999-2000). Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City betreute er erneut die US-Nationalmannschaft und gewann mit ihr Silber. Am 11. August 2003 verunglückte Brooks im Alter von 66 Jahren tödlich bei einem Autounfall.

Im Jahre 2005 wurde dem Coach zu Ehren die Spielstätte seines größten Triumphes in Herb Brooks Arena umbenannt und 2006 wurde er in die Hockey Hall of Fame aufgenommen.

Mehr anzeigen

Die NHL verwendet Cookies, Web Beacons und andere ähnliche Technologien. Durch die Nutzung der NHL Websites oder anderer Online-Dienste stimmen Sie den in unseren Datenschutzrichtlinien und Nutzungsbedingungen beschriebenen Praktiken einschließlich unserer Cookie-Richtlinien zu.