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Klammheimlich zum Titelanwärter

Carlyle formte die Ducks zu einem Titelanwärter. Seit März punktete kein Team häufiger

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Der Wunsch nach einer mehrjährigen Trennung wieder zueinanderzufinden entspringt der Sehnsucht unbeschwerte, vergangene Zeiten zurückzuholen. Im Rückblick erscheint einem alles viel rosiger als es tatsächlich war. Führen einen die Wege wieder zusammen folgt häufig der verklärten Sichtweise die Ernüchterung.

Im Bühnenstück Torquato Tasso ließ Johann Wolfgang von Goethe Antonio zu Leonore sagen: "Wir hoffen immer, und in allen Dingen ist besser hoffen als verzweifeln."

Als sich die Anaheim Ducks, nach ihrem Erstrundenaus in den Stanley Cup Playoffs 2016, am 14. Juni 2016 dazu entschieden, es erneut mit Randy Carlyle als Cheftrainer zu versuchen, dürfte die Hoffnung, an ihre erfolgreichen Zeiten unter diesem Eishockeylehrmeister, anknüpfen zu können, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Carlyle hatte zur Saison 2005/06 eine Mannschaft übernommen, die sich zwei Jahre nach ihrer Stanley Cup Finalteilnahme nicht einmal für die Playoffs qualifizieren konnte. Postwendend formte er aus den damaligen Mighty Ducks of Anaheim einen Titelanwärter, der sich erst im Western Conference Finale den Edmonton Oilers geschlagen geben musste. Ein Jahr später war es endlich soweit: Unter der Regie von Carlyle bezwang die sich nun Anaheim Ducks nennende Franchise die Ottawa Senators in fünf Spielen im Finale und der Stanley Cup landete zum ersten Mal bei einer in Kalifornien ansässigen Mannschaft.

Am 30. November 2011, 4 1/2 Jahre nach dem größten Erfolg ihrer Franchisegeschichte, trennten sich die Ducks von ihrem Meistermacher wegen eines schwachen Saisonstarts mit nur sieben Siegen in den ersten 24 Partien (7-14-3) der Spielzeit 2011/12.

Als Carlyle im Sommer zum zweiten Mal von den Ducks engagiert wurde, fand er einen völlig veränderten Kader vor, in dem sich mit Ryan Getzlaf und Corey Perry nur noch zwei Spieler aus der Meistermannschaft von 2007 befanden, und Verteidiger Cam Fowler war der dritte im Bunde, den der Eishockeytrainer noch von seiner ersten Amtszeit her kannte.

Die Ducks erwischten, im Verhältnis zu den hohen Erwartungen des Managements, erneut einen schwachen Saisonstart 2016/17. Nachdem ein gutes Drittel der Saison bereits bestritten war, belegten sie mit 39 Punkten aus 34 Spielen (17-12-5) zur Weihnachtspause nur den sechsten Platz in der Western Conference. Diesmal behielt die sportliche Führung die Nerven, hielt weiterhin an Carlyle fest und ließ ihn in Ruhe weiterarbeiten. Fast still und heimlich hat Carlyle allen Unwägbarkeiten zum Trotz, wie unnötige Punktverluste in Overtime oder Penaltyschießen und einem Perry der nicht mehr das Tor fand, aus den Ducks erneut eine Mannschaft geformt, die es mit jedem anderen Team in der NHL aufnehmen kann.

In den Partien seit dem 1. März konnte Conference-übergreifend keine Mannschaft mehr Punkte einfahren als Anaheim (13-2-3, 29 Pkt.), nur die St. Louis Blues kassierten ligaweit weniger Tore (32) als die Ducks (35) und auch bei den gewonnenen Bullys (54,9 Prozent) belegen die Kalifornier den zweiten Platz.

Anaheim hat in allen Belangen das Zeug dazu in diesem Jahr wieder ein gewaltiges Wörtchen um die Vergabe des Titels mitzureden. Sie verfügen mit Kapitän Ryan Getzlaf über einen der besten Spielgestalter und Vorbereiter in der Liga. Anaheims Angriffsreihen sind in der Tiefe ausgeglichen gut besetzt - die Verpflichtung von Patrick Eaves von den Dallas Stars tat das Seinige dazu.

Die ersten drei Sturmformationen der Ducks sind für den Gegner kaum noch ausrechenbar. Hinter der ersten Reihe mit Getzlaf, Rickard Rakell und Eaves, die es in den letzten knapp sechs Wochen auf 26 Tore brachten, klafft keine Lücke. Die zweite und dritte Formation mit Andrew Cogliano, Ryan Kesler, Jakob Silvferberg, Corey Perry, Antoine Vermette, der zur Zeit gesperrte Nick Ritchie oder Ondrej Kase schoss insgesamt 24 Treffer. Selbst 4. Reihe-Center Chris Wagner konnte seit dem 1. März dreimal treffen.

Über alle Zweifel erhaben ist die Defensivabteilung der Ducks. Auch wenn es ihnen schwer fallen wird den verletzungsbedingten Ausfall von Fowler in der ersten Runde der Stanley Cup Playoffs völlig zu kompensieren, mit Jaykob Megna hat Carlyle einen 24-jährigen Verteidiger aus dem Hut gezogen, der am vergangenen Donnerstag, beim 4-0 Sieg über die Chicago Blackhawks, an der Seite von Brandon Montour eine solides NHL-Debüt ablieferte.

Wie sprach in Goethes Schauspiel Leonore: "Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt."

Das sind doch die besten Voraussetzungen für eine lange Titeljagd der Ducks.

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