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Draisaitl von Superlativ zu Superlativ

In Spiel 1 gegen die Ducks kann sich der deutsche Stürmer in eine Reihe großer Namen einreihen

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Sie wirkten übermächtig und sie schienen in 60 Minuten unbezwingbar. 19 Spiele in Folge hatten die Anaheim Ducks nicht mehr in der regulären Spielzeit verloren und vor heimischer Kulisse waren sie erst recht eine Macht. Ihre Heimbilanz aus der Saison 2016/17 spricht für sich (29-8-4). Seit dem Jahreswechsel verließen die Südkalifornier in 25 Partien nur viermal das Eis des Honda Center ohne Punktgewinn (19-4-2).

Die bittere Erfahrung, dass es nur schwerlich möglich ist die Mannschaft von Randy Carlyle zu schlagen, mussten auch die Calgary Flames machen. In der ersten Runde der Western Conference Stanley Cup Playoffs 2017 schieden sie mit einem Sweep gegen die Ducks aus.

Obwohl ihre südlichen Nachbarn aus Alberta, trotz knapper Spiele, letztendlich chancenlos waren, traten die Edmonton Oilers zuversichtlich die Reise ins Orange County an. Im Anschluss ihres letzten Trainings vor der Partie erwähnte in der Kabine der junge deutsche Stürmerstar Leon Draisaitl, umringt von Pressevertretern aus aller Herren Ländern, unter anderem war auch der WDR zugegen, dass es [gegen Anaheim] körperbetonter zugehen werde, man sich aber jedem Gegner anpassen müsse, und sie eine Mannschaft seien, die dazu imstande ist.

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Die Umstellung, von den forecheckenden San Jose Sharks, auf die in der Defensive kompakter stehenden, gerne die Räume eng machenden Ducks, ist den Westkanadiern wahrlich geglückt. Mit 5-3 Toren gewannen sie in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in Anaheim Spiel 1 des Western Conference Halbfinales. Und für den deutschen Ausnahmestürmer kam es noch besser: Er fügte seiner an Höhepunkten reichen Saison 2016/17 ein weiteres Superlativ hinzu, indem er an vier der fünf Treffer seines Teams beteiligt war.

Vier Scorerpunkte, ein Tor und drei Vorlagen, in einer Playoffpartie waren als bisher einzigem deutschen NHL-Spieler Jochen Hecht am 22.4.2000 für die St. Louis Blues gegen die San Jose Sharks gelungen. Der einzige und letzte Oilers Spieler, der in diesem Jahrhundert ein solches Kunststück vollbracht hatte, war Ryan Smyth gewesen, dem im Playoffjahr 2006, in dem Edmonton bis ins Stanley Cup Finale vordringen konnte, am 14. Mai zwei Tore und zwei Assists gegen die Sharks glückten.
In den vergangenen 25 Jahren bestritten die Oilers 91 Playoffpartien. Neben Draisaitl und Smyth haben es nur noch Joe Murphy und Bernie Nicholls, jeweils im Jahre 1992, geschafft, dass ihr Name viermal im Spielberichtsbogen als Scorer aufgetaucht ist.

Auch wenn es Draisaitl sicherlich nicht in den Sinn käme, sich mit den nun folgenden NHL-Legenden zu vergleichen, mir sei es gestattet sie zu erwähnen. In der 38-jährigen NHL-Franchisegeschichte der Oilers konnten bisher nur elf Spieler vier oder mehr Scorerpunkte in einer Playoffbegegnung für sich verbuchen.

Atem anhalten!

In alphabetischer Reihenfolge waren dies Glen Andersen, Paul Coffey, Wayne Gretzky, Jari Kurri, Mark Messier, Joe Murphy, Bernie Nicholls, Kent Nilsson, Craig Simpson, Ryan Smyth und Esa Tikkanen. Draisaitl reiht sich, rein alphabetisch betrachtet, an dritter Stelle als zwölfter Mann ein.

Gratulation!

So langsam aber sicher dürfte den Ducks der Angstschweiß auf der Stirn stehen, wenn sie nur den Namen Draisaitl hören. Gegen kein anderes NHL-Team punktet der Deutsche lieber als gegen sie und kein anderer Spieler der Oilers bereitet Anaheim mehr Kopfzerbrechen.

Der 21-jährige Center stand in seiner NHL-Karriere 13 Mal (Playoffs und reguläre Saison) gegen die Kalifornier auf dem Eis, wobei neun Tore und acht Assists auf sein Konto gingen. Der zweiterfolgreichste Oiler, in dem Zeitraum seit Draisaitls Rookie-Saison 2014/15, ist Connor McDavid mit zwei Toren und sieben Vorlagen in neun Partien.  

Draisaitl konnte gestern zum wiederholten Male nicht von Anaheim aus dem Spiel genommen werden. Es ehrt den Deutschen, dass er in der Analyse der Partie nicht so sehr auf seine eigene überzeugende Leistung schaute, sondern die seines Verteidigerkollegen Adam Larsson hervorhob: "Man kann sich nicht nur jeden Abend auf die Topreihen verlassen, man braucht auch Verteidiger die treffen."

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Der 23-jährige Larsson, den die Oilers vergangenen Sommer im Tausch gegen ihren Topscorer Taylor Hall von den New Jersey Devils geholt hatten, erzielte zwei Treffer im dritten Drittel und begeisterte seinen Trainer Todd McLellan, wie man dessen Aussage gegenüber NHL.com vernehmen konnte: "Sein letztes Tor [zum 4-3 Zwischenstand] hat, so wie er gelaufen ist, richtig gut ausgesehen. Er hat das Können und ist dazu fähig. Wir mussten uns in der Verteidigung verstärken und brauchten einen hinten einen Führungsspieler. Er ist es geworden."

Trotz des erfolgreichen Zweitrundenauftakts gegen den Tabellenersten der Pacific Division werden die Oilers nicht abheben. In der ersten Playoffrunde haben sie zuhause das erste Spiel verloren und die Serie dann noch zu ihren Gunsten gedreht. Doch bange muss ihnen auch nicht sein, denn wenn Draisaitl Ducks sieht, dann wachsen ihm Flügel.

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