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Die beste Eishockeyliga steht aktuell Kopf

Relativ junge Teams, wie die Golden Knights, stehen an der Tabellenspitze, Traditionsteams im Keller

von Robin Patzwaldt @RobinPatzwaldt / NHL.com/de Autor

An jedem Montag der Spielzeit 2017/18 wird NHL.com/de an dieser Stelle nach Themen suchen, welche etwas abseits des täglichen Spielgeschehens liegen und die Themen beleuchten, welche den Puls der Liga im Hintergrund bestimmen. Sportliche Krisen, ein intensiverer Blick auf die aktuellsten Themen der NHL, grundsätzliche Entwicklungen welche die Diskussionen derzeit bestimmen. Wir sorgen dafür, dass nichts davon unbeachtet bleibt.

Heute beschäftigen wir uns ausführlicher mit der Entwicklung der sogenannten 'Expansion Teams' welche aktuell die Liga anführen, während gleich so einige Traditionsteams im Tabellenkeller anzutreffen sind.

Im Laufe ihrer inzwischen 100-jährigen Geschichte hat die NHL ihre Größe stets Stück für Stück etwas weiter ausgebaut. Inzwischen sind wir bekanntlich schon bei stolzen 31 Franchises angekommen, welche in der Spielzeit 2017/18 um den seinerzeit von Lord Stanley gestifteten Pokal kämpfen. Egal welches Team zuletzt frisch in die Riege der Wettstreiter hinzukam, stets wurde es zunächst mit vergleichsweise viel Skepsis begleitet.

Das war auch in diesem Frühsommer natürlich nicht anders, als die Vegas Golden Knights in die beste Eishockeyliga der Welt aufgenommen wurden. Eishockey in Las Vegas? Passt das? Wird so ein Team seine Fans finden? Ist dort überhaupt eine Fan-Basis vorzufinden? Viele Bedenken wurden geäußert, nachdem die Pläne öffentlich wurden, in der nagelneuen T-Mobile-Arena Eishockey von Weltklasse spielen zu lassen. Weit gefehlt könnte ein Betrachter im Rückblick sagen. Zumindest dann, wenn er einen Blick auf die aktuelle Tabelle wirft.

Die Golden Knights rangieren mit einem furiosen Rekordstart für ein Expansion Team sportlich an der Spitze. In der Zuschauergunst sind sie die positive Überraschung der noch jungen Runde. Erfolg macht 'sexy' gilt eben auch in der NHL. Neu gewonnene Fans des Teams schießen aktuell wie Pilze aus dem Boden - sogar weltweit. Kaum jemand der sich aktuell nicht von der Begeisterung rund um das Team aus der Wüste anstecken lassen würde.

Video: STL@VGK: Karlsson vollendet den Sieg in Overtime

Acht Siege in neun Spielen, stolze 16 Punkte. Das bedeutet Platz Vier in der Tabelle aller Teams und das, obwohl sie bisher bis zu drei absolvierte Spiele weniger als die Konkurrenz bestritten haben. Das ist schon eine unglaubliche Zwischenbilanz, die das Team aus Las Vegas vorweisen kann. Zuletzt gab es gar einen mehr als deutlichen 7:0 Heimerfolg gegen die Colorado Avalanche aus Denver.

Doch die Golden Knights sind in dieser Beziehung längst nicht alleine in diesen eishockeytechnisch arg turbulenten Zeiten. Auch die Mannschaften aus Tampa und Los Angeles liegen sportlich voll, wenn nicht sogar über dem vor der Saison ausgegebenen Plan. Beide liegen tabellarisch sogar noch vor den Knights aus der Spielerstadt. Die Kings kommen auf 19 Zähler (nach 11 Spielen) und die Lightning können das gleiche Zwischenfazit ziehen, allerdings schon nach 12 absolvierten Begegnungen.

Diese beiden Franchises wurden von der Liga an einem Standort ins Rennen um den begehrten Silberling geschickt, der von vielen Kritikern als ungünstig, oder gar ungeeignet angesehen wurde. Sowohl Eishockey in Südkalifornien als auch in Florida galt vor Jahrzehnten noch als gewagtes Unterfangen.

Die Gegenwart zeigt, die Pläne der Macher sind komplett aufgegangen. Die Kings können inzwischen sogar schon auf zwei Stanley Cup Erfolge in den Jahren 2012 und 2014 zurückblicken, die Lightning stemmten den Pokal immerhin im Frühsommer 2004 in den Himmel.

Nach sportlichen Durchhängern zuletzt, sind beide Teams aktuell wieder zurück in der Erfolgsspur, können der Liga derzeit nicht nur sportlich ihren Stempel aufdrücken, sondern mit Stolz auf ihre im Laufe der Jahre immer weiter gewachsene treue Fanbasis in der heimischen Region verweisen. Ein Erfolg, welcher in dieser Form nicht von jedermann als realistisch angesehen wurde.

Der Mut der Organisatoren macht sich hier inzwischen längst und sehr deutlich bezahlt. Eishockey der Machart NHL kann scheinbar wirklich überall zum Erfolg führen. Es geht nicht nur darum ein Team am Leben zu erhalten, es kann sportlich zum Faktor in dieser harten Konkurrenz der weltbesten Akteure dieser Sportart werden. Und das eben auch in der Wüste, wie die Golden Knights aktuell in aller Deutlichkeit einmal mehr untermauern.

Doch wo überraschende Erfolge gefeiert werden, da muss es zwangsläufig auch Verlierer geben. Und das sind, oh Wunder, dann eben unter Umständen die klassischen Traditionsteams der Liga. Die Montreal Canadiens (nur Vorletzter der gesamten Liga), die New York Rangers (nur einen Zähler mehr als die 'Habs') und auch die Boston Bruins (ganze 10 Zähler nach neun gespielten Begegnungen) finden sich in diesen Wochen noch weit weg von den eigenen hohen Ansprüchen. Sie stehen derzeit allesamt deutlich näher am Tabellenende als es ihnen lieb ist. Dies alles trotz großer Tradition, viel Erfahrung, großer Beliebtheit und einem klaren Standortvorteil in einer anerkannten Eishockeystadt.

Die Tendenz zeigt, in der NHL ist sprichwörtlich inzwischen alles möglich. Natürlich begünstigt auch von einem vor Jahren eingeführten Salary-Cap-System, das alle Franchises in vergleichbare Rahmenbedingungen zwingt. Die Folgen dieser aus mitteleuropäischer Betrachtung zunächst gewöhnungsbedürftigen Regelungen sind eindeutig.

Wer in einem Jahr unten steht, kann vergleichsweise schnell in der Tabelle nach oben stürmen, wer heute gerade sehr erfolgreich ist, der muss das in Zukunft längst nicht automatisch sein.

Im Vergleich zu vielen europäischen Sportligen, darunter beispielweise auch die Fußball-Bundesliga, wird der Vorteil dieses Systems deutlich. Ein Aufsteiger direkt vorne in der Tabelle? Ist im Fußball ein vom Aussterben bedrohtes Phänomen, in der NHL hingegen aktuell an vielen Ecken und Enden der Tabelle zu bestaunen.

Ist es nicht gerade dieses ungewöhnlich große Überraschungspotenzial, das den Profisport für uns Fans und Beobachter so attraktiv macht?

Viele Organisatoren anderer Profisportligen könnten sich von der besten Eishockeyliga der Welt in diesen Tagen so einiges abschauen. Hier kann der Sportfan sehen, wie man eine Liga spannend und ausgeglichen macht, wie man neue Teams nach oben führen kann, wie auch alteingesessene Etablierte plötzlich in den Tabellenkeller blicken müssen. Es ist doch wirklich herrlich all das aktuell zu verfolgen!

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