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NHL Pioniere: Peter Stastny

Nach drehbuchreifer Flucht aus dem Ostblock prägten die Stastnybrüder die achtziger Jahre in der NHL

von Marc Rösch / NHL.com/de Autor

Am 1. Januar 2017 eröffnete die National Hockey League mit dem Eröffnungsbully zum Scotiabank NHL Centennial Classic die Feierlichkeiten zur Jahrhundertsaison. Seit ihrer Gründung im Jahr 1917 sah die Liga zahlreiche Kultpersönlichkeiten.

Während der Saison 2017 wird euch NHL.com/de mit zahlreichen Stories über die vergangenen 100 Jahre versorgen.

In dieser Ausgabe präsentieren wir euch Schlüsselfiguren der Ligageschichte. Von Gründern und Wegbereitern des Sports bis zu Pionieren der Neuzeit. Macht euch mit den Legenden vertraut, die unwiderrufliches für diesen großartigen Sport geleistet haben. Heute: Peter Stastny.

Es müssen unzählige Schilling gewesen sein, die die Brüder Peter und Anton Stastny im nächtlichen Innsbruck in eine öffentliche Telefonzelle stopften. Die europäische Club-Meisterschaft 1980 in Österreich lief erst wenige Tage, als sich beide für ein Ferngespräch aus dem Teamhotel von Slovan Bratislava stahlen.

Peter und Anton hatten den Entschluss gefasst, die kommunistische Seite des Eisernen Vorhangs zu verlassen. Sie nahmen sich ein Herz und versuchten ein Team aus Übersee zu kontaktieren. Anton, der ein Jahr zuvor von den Quebec Nordiques gedraftet wurde, hatte sich auf einem Fetzen Papier die Telefonnummer vom Nordiques-Büro notiert.

Peter, der zu dieser Zeit einer der besten Stürmer der Welt war, machte Nägel mit Köpfen. Er schnappte sich den Hörer und tippte die Zahlenreihe hastig ab. Tatsächlich erreichte er Nordiques-Teampräsident Marcel Aubut. In gebrochenem Englisch erklärte er ihm sein Anliegen.  

Für Aubut kam der Anruf wie gerufen. Seine Nordiques traten als ehemaliges Western Hockey League Team 1979 der NHL bei. In ihrer ersten NHL-Spielzeit kamen sie mächtig unter die Räder. Bei lediglich 25 Siegen kassierten sie 44 Niederlagen. Nur ein Wunder hätte ihnen bei den Planungen für die zweite Saison helfen können. Dieses Wunder stand nun etliche tausend Kilometer entfernt im beschaulichen Alpenstädtchen Innsbruck in einer Telefonzelle.

Aubut zögerte keine Sekunde. Zusammen mit einem weiteren Teamverantwortlichen nahm er den nächsten Flieger nach Österreich, um den Deal unter Dach und Fach zu bringen. Nach ihrem letzten Spiel für Slovan - eine 11-1 Niederlage gegen ZSKA Moskau am 24. August - sammelte er seine beiden zukünftigen Schützlinge ein.

Peter hatte in der Zwischenzeit seine hochschwanger Frau Daria angewiesen, eilig nach Österreich zu kommen. In einer Drehbuchreifen Nacht und Nebel Aktion brach der Tross in Richtung Wien auf. Nach einer Übernachtung im Hotel Intercontinental lagen die Einreisepapiere in der kanadischen Botschaft bereit und die Reise nach Quebec City konnte über Zwischenstationen in Amsterdam und Montreal fortgesetzt werden.

"Das war die erschreckendste Nacht meines Lebens", wird Peter Stastny auf IIHF.com zitiert. "Ich kam mir vor wie in einem John le Carré Roman."

Auch wenn Anton und Peter nicht die ersten Spieler waren, die aus der Tschechoslowakischen Republik über den großen Teich flohen, so waren es doch die, die für die mit Abstand größten Schlagzeilen sorgten. Weltweit zierte die Flucht der Stastnybrüder die Titelblätter der Zeitungen. Anton und Peter machten das schier Unmögliche wahr. Obwohl sie als Topspieler mit Argusaugen beobachtet wurden, gelang ihnen der Sprung nach Übersee.

In Quebec sorgten die beiden Slowaken schlagartig für Furore. Mit Peter und Anton mauserten sich die Nordiques in den kommenden Jahren von der Schießbude der Liga zu einem der heißesten Teams überhaupt.

Bereits in seiner Premierensaison erzielte Peter 109 Scorerpunkte (39 Tore, 70 Assists), womit er einen neuen Rookierekord aufstellte, der erst zwölf Jahre später von Teemu Selanne geknackt wurde.

Peter und Anton ebneten zahlreichen osteuropäischen Spielern den Weg, die in den folgenden Jahren in die NHL kommen sollten. Doch hierfür zahlten sie einen hohen Preis. Ihre Familie, die sie in Europa zurücklassen mussten, sah sich erheblichen Repressalien ausgesetzt. Ihrem Vater wurde von der Regierung die Arbeitsstelle und die Wohnung weggenommen und ihr Bruder Marian Stastny wurde von der Nationalmannschaft suspendiert.

Ein Jahr später nahm auch Marian das Heft in die Hand und folgte seinen beiden jüngeren Bruder nach Quebec, wo sie zeitweise zu dritt in einer Sturmreihe spielten. Am 5. Januar 1984 erzielten alle drei beim 8-3 Sieg gegen die Boston Bruins ein Tor.

Peter blieb der Nordiques-Franchise zehn Jahre lang treu. Auch wenn ihm die ganz großen Teamerfolge verwehrt blieben, da die Nordiques nie weit in die Stanley Cup Playoffs vorstießen, ist er einer der einflussreichsten Eishockeyspieler der 1980er Jahre. Mit 1.059 Punkten war er nach Wayne Gretzky der zweiterfolgreichste NHL-Spieler des Jahrzehnts.

Bis zur Saison 1994-95 bestritt Peter 977 NHL-Spiele für die Nordiques, die New Jersey Devils und die St. Louis Blues und erzielte 1.239 Punkte (450 Tore, 789 Assists). Nach seinem Rücktritt vom Profisport wurde er im Jahr 1998 in die Hockey Hall of Fame aufgenommen.

Auch auf der internationalen Eishockeybühne war Peter fleißig. Nachdem er die kanadische Staatsbürgerschaft annahm, verhalf der dem Team Kanada im Jahr 1984 zum Sieg beim Canada Cup. Peter nahm für drei Nationen an internationalen Eishockeyturnieren teil. Seine Söhne Yan Stastny und Peter Stastny liefen jeweils für die US-Auswahl auf.

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