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Die Renaissance der schweren Verteidiger

Blues und Bruins lassen es in einem hart geführten Cup-Finale krachen

von Marc Rösch @NHLde / NHL.com/de Autor

So rasant wie das Eishockeyspiel selbst ist, so verändert es sich auch im Laufe der Zeit. Was vor einigen Jahren noch undenkbar war, ist heute Alltag in der NHL: Hochbegabte wuselige Teenager drücken dem Spiel mit ihrer Geschwindigkeit und Technik dem Stempel auf, avancieren zu Topstars und Aushängeschildern des Sports.

Immer schnellerer Spielzüge, spektakulärere Tore und unglaublichere Saves sorgen für ein Spiel, das mit dem von vor zwanzig oder dreißig Jahren kaum noch Ähnlichkeiten hat. Aspekte, die dem Eishockeysport ureigen waren, scheinen immer mehr in Vergessenheit zu geraten.

Passenderweise werden sie den Fans durch das Stanley Cup Finale 2019 zwischen den Boston Bruins und den St. Louis Blues wieder in die Erinnerung gerufen. 

Video: BOS@STL, Sp4: Tarasenko checkt Pastrnak hart

Beide Finalisten spielen eine Serie, die völlig konträr zu der jüngsten Entwicklung im Eishockey ist. Nicht nur mit Technik und Geschwindigkeit, sondern und vor allem mit einem ehrlichen und harten physischen Spiel fesseln sie die Zuschauer.

"Ich denke, die beiden schwersten und härtesten Teams von allen stehen im Finale", analysierte Beobachter Peter DeBoer, der mit seinen San Jose Sharks von den Blues rausgekickt wurde. "Jeder spricht von Skills und den kleinen Spielern aber ich denke nicht, dass es ein Zufall ist."

Boston und St. Louis bauen auf große, schwere Mannschaften. Und sie spielen ein physisches Spiel, das sich statistisch belegen lässt.
"Jedes Team hat seine speziellen Fähigkeiten. Toronto hatte zum Beispiel eine schnelle, sehr flinke Mannschaft. Klar geht es jetzt physischer zu, doch man muss die Gegner so nehmen, wie sie kommen. Das körperbetonte Spiel hat über die Serien hinweg zugenommen", bestätigte Bostons Center Sean Kuraly.

Video: BOS@STL, Sp3: Schenn verpasst Check und fliegt

In den ersten fünf Spielen der Best-of-7-Serie, die die St. Louis Blues mit 3:2-Siegen anführen, teilten beide Teams zusammengerechnet 372 offiziell erfasste Hits aus. St. Louis 196 und Boston 176. Im Durchschnitt sahen die Fans also über 74 Checks pro Finalspiel.

Zum Vergleich: In den 1.271 Spielen der regulären Saison 2018/19 wurden in Summe 56.834 Checks gefahren. Sicherlich ein stolzer Wert, der pro Spiel allerdings nur knapp 45 Hits macht.

"Zwischen der regulären Saison und den Playoffs gibt es einen riesen Unterschied. Es bleibt einem kaum Zeit und Platz. Das Beste ist man hat beides Speed und Skill sowie physische Präsenz, so wie diese zwei Mannschaften", weiß Blues Center Brayden Schenn.
Unterstützung bekommt er von seinem Mannschaftskollegen Verteidiger Jay Bouwmeester: "Starke Teams verfügen einfach über den richtigen Mix im Kader." 

Die laufende Final-Serie ist allerdings nicht nur im, zugegeben ungerechten Vergleich mit der NHL-Hauptrunde einzigartig. Seit sechs Jahren gab es - gemessen an den Checks - kein so hart geführtes Finale mehr.

Video: STL@BOS, Sp5: Krug bringt Steen hinter Tor zu Fall

Weder die Vegas Golden Knights und die Washington Capitals im vergangenen Jahr, noch die Pittsburgh Penguins bei ihren mehrfachen Finalteilnahmen von 2016 bis 2017 teilten ähnlich häufig aus.  

In den offiziellen Aufzeichnungen der NHL wurden zuletzt im Stanley Cup Finale 2013 mit durchschnittlich 79 Checks mehr als die 74 der Blues und Bruins gezählt. Eine Serie, an die sich Bostons Methusalem Zdeno Chara wohl nur ungern erinnert. 

Kapitän Chara, der es sich nicht nehmen ließ trotz einer Gesichtsverletzung in Spiel 5 mitzuwirken und für seinen leidenschaftlichen Einsatz vom prallgefüllten TD Garden mit tosendem Applaus belohnt wurde, unterlag damals mit seinen Bruins nach sechs Spielen den Chicago Blackhawks.

Niemand verkörpert das schwere Eishockey, das immer mehr aus der Mode gekommen zu sein scheint, so sehr wie Chara. Das 2,05 Meter große und 113 kg schwere slowakische Urgestein der Bruins liebt das physische Spiel.

Auch St. Louis General Manager Doug Armstrong hebt die Vorteile des harten Eishockeys hervor: "Wir glauben an eine große Defensive", erklärte er. "Wir haben seit vielen Jahren große Verteidiger. Vielleicht ist das Spiel nicht mehr so physisch wie es einmal war. Aber sie sind wie Seegras: Es ist sehr schwer, durch sie durchzukommen."  

 

[Här kan du läsa allt från serien BOS-STL]

 

"Ich denke, letztendlich macht es die Mischung", ergänzte Armstrong. "Vor einigen Jahren hattest du ein oder zwei läuferisch starke und vier defensive Verteidiger. Dann waren es drei und drei oder sogar vier und zwei. Man muss mit dem Spiel mitgehen und sich entwickeln. Letztendlich wurde es immer mehr ein Spiel der kleineren Männer. Und da muss man den großen Kerlen Respekt zollen. Sie sind schneller, cleverer und besser geworden. Größe ist immer noch ein wichtiger Faktor."

Und der Erfolg gibt Armstrong recht. Seine Blues sind nur noch einen Sieg von ihrem Traum, dem ersten Stanley-Cup-Gewinn der Klubgeschichte, entfernt. Am Sonntag können sie in Spiel 6 (8:00 p.m. ET; 2:00 Uhr MESZ) vor eigenem Publikum im Enterprise Center den Sack zumachen.

Bei all der Euphorie der Blues sollte man die Bruins jedoch auf keinen Fall abschreiben. Immerhin könnte eine Statistik für sie sprechen: In den vergangenen sechs Jahren gewann nur einmal (2014; Los Angeles Kings) die Mannschaft mit den meisten Checks in der Serie auch den Stanley Cup.

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