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Wohlwend exklusiv: Es fehlt noch einiges für uns

In Tete-a-Tete spricht der Schweizer U20-Trainer über sein WM-Fazit und die Perspektiven

von Stefan Herget @nhlde / NHL.com/de Chefautor

Jeden Donnerstag während der Saison 2018/19 wird NHL.com/de in der Rubrik "Tete-à-Tete" eine exklusive Konversation mit Spielern oder Persönlichkeiten der NHL und des Eishockeys über alle Bereiche auf und abseits des Eises präsentieren.

In dieser Ausgabe: Christian Wohlwend, Trainer der Schweizer U20-Nationalmannschaft.

Die Schweizer Junioren-Nationalmannschaft hat sich bei der Weltmeisterschaft in Vancouver und Victoria vom 26. Dezember 2018 bis 5. Januar 2019 wacker geschlagen. Zum ersten Mal seit 2010 konnte die Mannschaft von Trainer Christian Wohlwend nach einem 2:0-Erfolg über Schweden im Viertelfinale wieder in das Halbfinale einziehen. Allerdings reichte es danach durch zwei Niederlagen gegen Finnland im Halbfinale (1:6) und Russland im Spiel um Bronze (2:5) nicht zum Edelmetall.

 

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Eine kuriose Szene gab es in der Vorrunde beim Spiel seiner Mannschaft gegen Russland. Als Stürmer Marco Lehmann vom russischen Verteidiger auf dem Weg alleine zum Tor gleich zwei Mal gefoult wurde, sprachen die Schiedsrichter den Schweizern zwei Penaltys in Serie zu.

Über diese besondere Situation und das Abschneiden seines Teams sowie seine Zukunftspläne und einen Ausblick auf die WM 2020 sprach NHL.com/de im exklusiven Interview mit dem 42-jährigen Wohlwend nach dessen Rückkehr aus Kanada:

Lass uns zunächst über die kuriose Situation in eurem Vorrundenspiel gegen Russland sprechen: Zwei Penaltys in einer Szene. Hast du als Spieler oder Trainer so etwas schon mal erlebt?

"Nein, das gibt es auch eigentlich gar nicht. Es hat sich herausgestellt, dass es eine Fehlentscheidung der Schiedsrichter war. Trotz der zwei Fouls gibt das Regelbuch nur einen Penalty und eine Zwei-Minuten-Strafe her. Ich war deswegen auch überrascht. Aber es war schlecht, dass wir beide verschossen haben."

Überragend war allerdings, dass dein Spieler Lehmann nach dem ersten Foul wieder aufstand und weiterlief, um seine Chance weiter zu suchen. Jeder andere wäre liegen geblieben, oder?

"Ja, er hat ein überragendes Turnier gespielt. Er ist in der Swiss League (Anm.: der zweithöchsten Liga der Schweiz) bei Kloten aktiv und hat sich erst bei unserem Freundschaftsspiel gegen Deutschland in Deggendorf in den Vorbereitungskader gespielt. Er war dann bei der WM in unserer Shutdown-Reihe und in Unterzahl am Eis und war einfach hervorragend. Solche Szenen zeigen auch, wie viel Feuer und Willen ein Spieler in sich hat. Das war schon beeindruckend."

Ihr standet erstmals seit langem wieder im Halbfinale, aber zur Medaille hat es nicht gereicht. Wie fällt dein Fazit des Turniers generell aus?

"Wir haben von den sieben Spielen wirklich sechs sensationell gespielt. Dabei muss man in Betracht ziehen, dass die sechs Top-Nationen Kanada, USA, Russland, Finnland, Schweden und Tschechien Spieler mit einer unglaublichen individuellen Klasse in ihren kompletten vier Reihen haben. Das bedeutet gegenüber uns einen großen Vorteil. Nur wenn wir ein perfektes Spiel zeigen, was Disziplin, Kampfbereitschaft und defensives Stellungsspiel anbelangt, in Verbindung mit dem nötigen Abschlussglück und großartiger Torhüterleistung, haben wir überhaupt eine Chance zu gewinnen. Es geht für uns nur über die geschlossene Mannschaftsleistung und wenn wir als Kollektiv auftreten. Das hat über weite Strecken sehr gut geklappt."

Trotzdem bedeutet es immer einen gewissen Zwiespalt, denn ihr gewinnt das Viertelfinale sensationell und fahrt dann als Vierter nach Hause. Überwiegt da nicht die Enttäuschung oder anders gefragt, was hat am Ende gefehlt?

"Es stimmt schon, aber man muss auch realistisch bleiben. Die Finnen hatten so einen guten Start gegen uns, da waren wir chancenlos. Es hat für sie einfach alles gepasst und wir lagen schon nach acht Minuten mit 4:0 hinten. Einfach Wahnsinn! Doch die Mannschaft hat nicht aufgegeben und wir hatten um das 4:1 bis ins zweite Drittel hinein eine sehr gute Phase, wo möglich gewesen wäre, noch näher heranzukommen, doch ein weiteres Tor gelang uns nicht und mit dem 5:1 und 6:1 im zweiten Drittel war es erledigt. Gegen Russland um Bronze habe ich mich geärgert, dass wir das erste Drittel verschlafen haben, weil die restlichen 40 Minuten waren wir unglaublich gut. Wir hatten am Ende 36 zu 24 Schüsse und so viele Großchancen. Sie hatten noch eine Chance in Unterzahl und verwerten diese eiskalt. Das meine ich mit der individuellen Klasse. In diesem Bereich sehe ich bei uns nur Philipp Kurashev und Nico Hischier, der uns leider nicht zur Verfügung stand."

 

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Sind also Spieler, die von NHL-Teams gedraftet sind, immer die Aushängeschilder?

"In dieser Altersklasse unter den Stürmern absolut. Deutschland hat mit Dominik Bokk einen Erstrunden-Draft in dieser Altersklasse und unser Kurashev wurde in der vierten Runde ausgewählt. Sonst hatten wir keinen einzigen Stürmer dabei, der schon gedraftet ist. Ich hoffe, dass Valentin Nussbaumer in diesem Jahr gedraftet wird. Doch für uns geht es nur über das Kollektiv. Wir haben zuletzt 13 Mal gegen die Top-Nationen gespielt und immer verloren. Erst gegen Schweden gelang uns der einzige Sieg. Es fehlt schon noch einiges für uns, um ganz vorne dabei zu sein."

Wie sieht der Ausblick auf die nächste Weltmeisterschaft aus, wie viele Spieler aus dem diesjährigen Kader sind dann noch spielberechtigt?

"Beide Torhüter und fünf Verteidiger, was bedeutet, dass wir dieses Jahr von sieben Verteidigern fünf aus dem jüngeren Jahrgang dabeihatten. Die werden zu 99,9 Prozent wieder dabei sein und sich dann hoffentlich gut entwickelt haben, weil der Leistungssprung in dieser Altersklasse enorm ist. Von den Stürmern sind es vier."

Die WM 2020 findet in Tschechien statt. Ist das ein Vorteil für die Europäer bzw. die Spieler, die in Europa spielen?

"Ich würde eher den Vorteil in der größeren Eisfläche sehen, aber eine Junioren-Weltmeisterschaft in Nordamerika ist für alle etwas Besonders, denn es macht sehr viel Spaß in den NHL-Stadien vor einer NHL-Kulisse zu spielen. Die lieben einfach Eishockey. Wir hatten in jedem Spiel mindestens 12.000 Zuschauer. Deswegen gehen wir sehr gerne nach Nordamerika."

Bei der Gruppeneinteilung hat euch der vierte Platz in diesem Jahr die deutlich leichteren Paarungen in der Vorrunde bei der WM 2020 eingebracht, denn Kanada, USA, Russland und Tschechien als Gastgeber zusammen mit Deutschland ist schon ein Hammer für die deutschen Jungs als Aufsteiger, oder?

"Definitiv haben wir die leichtere Gruppe und für Deutschland wird es sehr schwer die Relegationsspiele zu vermeiden. Wir müssen wie immer Kasachstan schlagen und gegen die Slowakei stehen unsere Chancen immerhin 50 zu 50. Von daher könnte es etwas einfacher sein, ins Viertelfinale zu kommen. Wenn wir gegen Finnland oder Schweden noch was holen können, dann schaffen wir vielleicht auch eine bessere Gruppenplatzierung. Doch egal, wo du nach der Vorrunde stehst, im Viertelfinale kommt trotzdem ein sehr starker Gegner auf dich zu."

Wie sieht deine persönliche Zukunft aus? Du hast noch einen laufenden Vertrag beim Schweizer Verband, wirst aber immer wieder auch bei Schweizer Teams gehandelt. Bei den Medien in Nordamerika stehst du bei der WM stets im Fokus. Wie sehen deine Planungen aus?

"Ich habe irgendwann mal gesagt, dass ich nicht mehr plane und das gilt immer noch. Ein Sprichwort sagt, der Mensch plant und das Schicksal lacht darüber. Das ist meine Devise. Meine Arbeit, die ich verrichte, verrichte ich mit Leidenschaft und so gut wie möglich. Außerdem habe ich Spaß dabei. Ich gehe davon aus, dass für mich Türen aufgehen werden. Aber dann entscheide ich ja oder nein. Das ist meine Einstellung. Ich bin offen für alles. Aber ich liebe das, was ich momentan machen darf und denke von daher nicht an andere Sachen, die ich machen könnte. Das Eishockey in Nordamerika hat aber schon seinen Reiz, das gebe ich zu."

Hängt dieser Reiz auch mit dem höheren Niveau der Spieler zusammen?

"In Deutschland ist es die gleiche Situation wie bei uns. Wenn du einem deutschen Trainer eine kanadische Mannschaft mit lauter Erst- und Zweitrunden-Drafts gibst, dann ist es für sie oder uns Schweizer Trainer auch einfacher zu gewinnen (lacht)."

Aber ist es nicht andererseits auch schön, wenn man jungen Spielern etwas mitgeben kann und sie an das Niveau heranführen kann?

"Ich bin jetzt 13 Jahre Trainer und ich hatte immer das Glück mit den allerhöchsten Juniorenstufen trainieren zu dürfen, aber gleichzeitig auch mit Erwachsenen. Ich hatte nie nur Junioren oder nur Erwachsene, immer beides. Ich liebe Menschen und das Eishockey und das zusammen zu verknüpfen ist etwas ganz Tolles, egal in welcher Altersstufe."

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