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Wichtiger als Sieg oder Niederlage

Bryan Bickell kehrt nach mehrmonatiger Zwangspause und der Diagnose Multiple Sklerose tatsächlich auf das NHL-Eis zurück

von Robin Patzwaldt @RobinPatzwaldt / NHL.com/de Autor

Es gibt Geschichten am Rande des täglichen Geschehens, die lassen einen immer mal wieder ganz bewusst und intensiver darüber nachdenken, wie unwichtig die Fragen nach Sieg oder Niederlage im Sport eigentlich ist. Zu diesen Geschehnissen gehört aktuell in der besten Eishockeyliga ganz gewiss auch das persönliche Schicksal von Bryan Bickell, der am Dienstag das erste NHL-Spiel bestreiten konnte, nachdem er Mitte November die dramatische Diagnose 'Multiple Sklerose' erhielt. Damals rollte eine Sympathiewelle an, welche sich auch auf dieser Seite wiederspiegelte. Danach wurde es ruhig um den Spieler. Nun ist er wieder einer größeren Öffentlichkeit ins Bewusstsein zurückgekehrt.

Der 31-jährige konnte bei der 3:5-Niederlage seines Teams in Minnesota, beim Spiel gegen die Wild, zwar nicht zu einem Punktgewinn für sein Team beitragen, doch war sein erster NHL-Einsatz nach der Zwangspause unzweifelhaft einer der herzerwärmenden Geschichten in der NHL in dieser Woche.

"Man denkt dann schon verstärkt darüber nach was man in den letzten Wochen alles so erdulden und leisten musste um wieder an diesen Punkt zu kommen" gab sich der Aktive nach dem Spiel gerührt.

"So viele Leute die einen auf dem Weg unterstützt haben, so viele gute Wünsche, das ist schon bewegend. Ich denke jetzt einfach wieder von Spiel zu Spiel nach vorne."

Es war das erste Spiel seit Ende Oktober für ihn. Sein Minus2-Wert bei einer Eiszeit von 12.35 Minuten konnte ihm dabei auch nicht weiter die Laune verderben.

"Körperlich war das schon ganz ok. Am Anfang fiel es mir noch etwas schwer, doch im Laufe der Minuten ging es wieder besser und besser. Und es wird sicherlich auch noch besser gehen in den nächsten Spielen."
Auch für seine Teamkollegen stand an diesem Tage nicht die Statistik im Vordergrund.

"Nach einer rund fünfmonatigen Auszeit wirkte er wohl frischer und fitter als wir das erwartet hätten" bestätigte auch Lee Stempniak. "Es ist beeindruckend zu sehen was er jeden Tag leistet und wie engagiert er ist."

Jeff Skinner ging verbal sogar noch weiter in die Offensive: "Ich denke er hat das toll gemacht. Er hat sich gut bewegt und hat einige schöne Spielzüge eingeleitet. Das ist eine wirklich schöne Geschichte und eine große Inspiration."

Flügelstürmer Bickel, im Jahre 1986 im kanadischen Ort Orono in Ontario geboren, verbrachte bis zum Sommer 2016 bereits insgesamt neun Jahre in der Organisation der Chicago Blackhawks, mit denen er insgesamt auch drei Mal (2010, 2013, 2015) den Stanley Cup gewann.

Seine Karriere als Eishockeyspieler begann dabei ursprünglich noch in der kanadischen Top-Juniorenliga 'Ontario Hockey League', in der er zwischen den Jahren 2002 bis 2006 für die Teams der Ottawa 67's und Windsor Spitfires auf dem Eis stand.

Im NHL Entry Draft des Jahres 2004 wurde er dann in der zweiten Runde als insgesamt 41. Spieler insgesamt von den Blackhawks gezogen.

Sein NHL-Debüt feierte Bickell in der Spielzeit 2006-07. Seinen endgültigen Durchbruch in der besten Eishockeyliga der Welt schaffte er jedoch erst zur Saison 2010-11.

Bis zum Jahresbeginn 2016 lief es dort für ihn dann insgesamt mehr als ordentlich. Er war über Jahre ein fester Bestandteil eines der Spitzenteams der Liga, konnte mit der Meisterschaft des Jahres 2015 seinen bereits dritten Cuptriumph in Chicago realisieren.

Zum Jahresanfang 2016 platzierten ihn die Blackhawks dann aber etwas überraschend auf der Waiver-Liste, schickten ihn, da ihn kein anderes Team von dort verpflichtete, zurück in das Farmteam der Organisation. Sein vergleichsweise üppiges Gehalt war seinerzeit wohl einer der Hauptgründe dafür, warum ihn damals kein anderes Team direkt von dort für eine andere Organisation auf NHL-Ebene verpflichten wollte.

Schon seinerzeit war sein damaliger Coach Joel Quenneville mit seinen in dieser Phase gezeigten Leistungen insgesamt auch nicht mehr so recht einverstanden. Eine bittere Enttäuschung damals für einen Aktiven, der in den Stanley Cup Playoffs 2013 noch neun Tore und 17 Punkte beigesteuert hatte, was dann indirekt auch zu seinem neuen Vierjahresvertrag führte, welcher mit stolzen 16 Millionen US$ dotiert war.

Im Nachhinein erschien diese sportlich eher enttäuschende Zeit für den Kanadier dann plötzlich auch in einem ganz anderen Licht. War damals im Hintergrund schon seine Erkrankung 'Schuld' an dem Leistungsknick? Man wird es vermutlich nie wirklich mit Sicherheit wissen können. Aber der Verdacht drängt sich natürlich im Rückblick etwas auf.

Die Degradierung bei seiner 'Stammfranchise' in Illinois führte ihn im Juni 2016 samt Teuvo Teravainen jedenfalls zu den Carolina Hurricanes, die im Gegenzug ein Zweitrunden-Wahlrecht für den NHL Entry Draft 2016 sowie ein Drittrunden-Wahlrecht für den NHL Entry Draft 2017 nach Chicago zu den Blackhawks schickten.

Im vergangenen Herbst verspürte Bickell dann ziemlich plötzlich einen unangenehmen, intensiven Schmerz in seiner Schulter, wenn er auf dem Eis mal wieder kraftvoll einen Schuss abfeuerte. Er dachte sich zunächst noch nichts Dramatisches dabei, erwartete natürlich, dass dieser Schmerz hoffentlich nur von kurzfristiger Natur wäre, sich nach ein paar Tagen wieder legen würde. Doch dem war dann leider überhaupt nicht so.

"Es war zuerst nur etwas taub. Ich dachte an einen eingeklemmten Nerv" sagte er damals gegenüber der Zeitung 'Chicago Tribune'.

"Als Spitzensportler kennt man ja seinen Körper ganz gut. Und als es nicht kurzfristig wieder weg ging, da dachte ich mir schon, dass es wohl doch nichts Harmloses ist. Das war so definitiv nicht normal."

Diverse ärztliche Untersuchungen schlossen dann für ihn sich an. Dann plötzlich das bittere Ergebnis: Multiple Sklerose! Ein Schock für den Stürmer!

Von einer Sekunde zur Anderen hatte sich damit sein komplettes Leben verändert. Nichts war danach mehr so wie es vorher war.

"Ich bin mir noch nicht sicher. Mir ist klar, dass meine nächsten Schritte entscheidend sein werden. Ich wünsche mir, dass ich noch einmal auf das Eis zurückkehren kann und meinen Teamkameraden helfen kann" gab er sich damals hoffnungsvoll.

Und er sollte tatsächlich noch einmal zurückkehren, wie man in dieser Woche miterleben durfte.
Sein derzeitiger Trainer Bill Peters lobte vor seiner Zwangspause auch ausdrücklich schon seine große Bedeutung für das Team der 'Canes': "Er ist ein wirklich toller Typ. Jeder von uns ist gerne mit ihm zusammen. Eine tolle Persönlichkeit. Sehr wichtig für unsere Truppe."

Der Kanadier ist übrigens bereits der zweite NHL-Profi, der diese Diagnose in den vergangenen Jahren erhalten hat. Bei Torhüter Josh Harding wurde diese Erkrankung Ende des Jahres 2012 festgestellt, er spielte dann noch bis zum Ende der Saison 2014-15 in der NHL.

Insgesamt leiden aktuell übrigens weltweit über 2,5 Millionen Menschen an der Nerven-Krankheit, die nicht geheilt, deren Verlauf nur aufgehalten und abgemildert werden kann. Es gibt eben dann doch noch Dinge die weitaus wichtiger sind als Eishockey. Diese Vorgänge machen es uns allen wieder einmal ganz deutlich.

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