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Boston Bruins mit einem Neuaufbau auf Raten

von Bernd Roesch / NHL.com

Am 11. April blickten die Spieler der Boston Bruins zunächst ungläubig auf den Videowürfel in der Amelie Arena von Tampa. Der Endstand von 2-0 aus dem Parallelspiel zwischen den Pittsburgh Penguins und den Buffalo Sabres wurde dort oben eingeblendet. Schnell wurde den Spielern klar: Sie können sich nicht mehr für die Stanley Playoffs 2015 qualifizieren, unabhängig davon, wie das für sie noch an diesem Abend ausstehende Penaltyschießen gegen die Tampa Bay Lightning ausgehen wird.

Zum ersten Mal seit der Spielzeit 2006/07 hatten die Bruins die Playoffs verpasst. Nach einer langen Saison von 82 Spielen fehlten ihnen letztendlich zwei Punkte auf die zweite Wildcard, die sich die Penguins sicherten.

Vier Tage nach dem Saisonende musste Bruins General Manager Peter Chiarelli seinen Hut nehmen und einen guten Monat später stellte CEO Charlie Jacobs Don Sweeney als achten GM ihrer Franchisegeschichte vor.

Fast ein Jahrzehnt zählte Boston zu den Spitzenteams in der Eastern Conference. 2014 hatten sie noch mit 117 Zählern als punktbestes Team der NHL die Presidents' Trophy gewonnen.

Seit 2007 hatten sie viermal ihre Division als Tabellenerster abgeschlossen, landeten sie viermal unter den ersten drei Mannschaften im Osten, zogen anschließend zweimal in das Stanley Cup Finale ein und holten sich 2011 sogar den Cup. Nun stehen sie an einem Scheideweg.

Wollen sie mit einem teuren Kader, mit erfahrenen Spielern an ihre alten Erfolge anknüpfen oder läuft es auf einen langen und schwierigen Neuaufbau hinaus, dessen Früchte erst in einigen Jahren geerntet werden können?

Sweeney hat immer wieder erklärt, dass die Bruins nicht an eine grundlegende Umstrukturierung des Teams arbeiten. Ein Neuaufbau würde ihren erfolgsverwöhnten Fans auch viel Geduld abverlangen. Welche Rückschlüsse auf ihre Erfolgsaussichten im kommenden Jahr lassen sich aus den Trades der Bruins in den vergangenen Wochen ziehen?

Ihre namhaftesten Abgänge sind Milan Lucic, Carl Soderberg, Reilly Smith und Dougie Hamilton, die es in der vergangenen Saison auf zusammen 170 Scorerpunkte gebracht hatten. Hamilton war 2014/15 mit 10 Toren und 32 Assists in 72 Spielen Bostons offensivstärkster Verteidiger gewesen. Der 22-Jährige, dem eine großartige NHL-Karriere prophezeit wird, wurde für drei Draft Picks (Nr. 15, 42, 57) an die Calgary Flames abgegeben.

Lucic wird in der kommenden Spielzeit für die Los Angeles Kings stürmen. Für den 27-jährigen Linksaußen bekamen die Bruins Schlussmann Martin Jones, Nachwuchsverteidiger Colin Miller und einen Draft Pick der ersten Runde (Nr. 13). Sweeney beteuerte, dass diese beiden Trades aus der Not heraus geboren, sprich dem Salary Cap geschuldet waren:

"Wir haben unsere Ausgaben für Spielergehälter gekürzt. Wir sind nun in der günstigen Lage handlungsfähiger zu sein. Unsere jungen Spieler müssen einen Schritt nach vorne machen. Wir geben ihnen die Chance heranzuwachsen und sich zu entwickeln und ich bin mir sicher, dass das unsere Trainer schaffen werden."

Für Soderberg, der am 1. Juli ein Unrestricted Free Agent geworden wäre, erhielten die Bruins von den Colorado Avalanche einen Draft Pick der sechsten Runde. Der 29-jährige Schwede kam 2014/15 für die Bruins auf 44 Scorerpunkte (13 Tore, 31 Assists) und teilte sich in der teaminternen Scorerwertung den dritten Platz mit Lucic. Nur vier Punkte weniger als die beiden erzielte Rechtsaußen Reilly Smith (13 Tore, 27 Assists).

Für den 24-Jährigen erhielten die Bruins von den Florida Panthers den um ein Jahr älteren Jimmy Hayes, der mit 19 Toren und 16 Assists in 72 Partien für die Panthers seine bisher beste NHL-Saison absolviert hatte.

Bostons neuer Hoffnungsträger ist aber Matt Beleskey, der einen 5-Jahres Vertrag über US$ 19 Millionen unterschrieben hat. Kann er die Abgänge kompensieren? Ohne Zweifel, der 27-Jährige hat 2014/15 eine überragende Saison bei den Anaheim Ducks gespielt. In 65 Spielen war er für 22 Tore gut und verdoppelte damit seine persönliche Bestleistung aus der Saison 2009/10.

Rein rechnerisch geht somit der Plan von Sweeney fast auf, Hayes und Beleskey schossen 2014/15 genauso viele Tore wie Lucic, Smith und Hamilton zusammen.

Ob Bostons Neuzugänge ihre Leistung aus dem Vorjahr bestätigen können, erscheint mir jedoch fraglich. Sweeneys Transferpolitik macht auf mich den Eindruck eines Neuaufbaus auf Raten. Die Zeiten, in denen die Bruins ihre Division dominierten dürften vorerst vorüber sein.

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