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NHL.com/de diskutiert über die Standorte und den Druck

Spieler reagieren unterschiedlich auf die Eigenheiten ihrer Teams, unsere Autoren haben das im Writer's Room diskutiert

von NHL.com/de @NHLde

Während der Saison 2019/20 wird das Team von NHL.com/de jeden Samstag in der Rubrik "Writer's Room" wichtige Themen der Liga diskutieren und analysieren. In dieser Ausgabe: Die Unterschiede der Standorte und die Auswirkungen auf die Spieler.

In der NHL gibt es, wie in jeder Sportliga, sehr unterschiedliche Standorte. Große und kleine Städte, bedeutende und Nischen-Standorte in Sachen Eishockey. Das Medieninteresse ist sehr unterschiedlich in den 31 Städten der Liga. 

Es gibt Teams, die sind regelmäßig das große Stadtgespräch, andere finden in der öffentlichen Wahrnehmung an ihrem Standort eher unter ferner liefen statt, müssen sich das Scheinwerferlicht etwa mit Teams aus anderen US-Sportarten teilen. 

Das hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die betroffenen Spieler. Es gibt Akteure, die die große Bühne lieben, andere ziehen es vor im Schatten der ganz großen Schlagzeilen ihre Karriere zu entwickeln. 

 

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Über die jeweiligen Vor- und Nachteile haben wir in dieser Woche diskutiert:

Robin Patzwaldt: Das mit den großen und kleinen Märkten und deren jeweiligen Vor- und Nachteilen ist ja immer relativ. Mich persönlich hat es in Übersee immer wieder gewundert, wie klein die Rolle der NHL-Teams in den jeweiligen Städten doch vielfach ist. Diese hatte ich mir vor meinen ersten Reisen nach Nordamerika insgesamt deutlich größer vorgestellt. Die anderen großen US-Sport-Ligen gehen in den jeweiligen Städten dort häufig vor. Von den bisher von mir besuchten 24 NHL-Städten hat mich in dieser Hinsicht eigentlich nur Toronto positiv überrascht. Für jemanden der aus Dortmund kommt, einer Stadt, wo das Profi-Fußballteam des BVB in Sachen Öffentlichkeit fast alles überstrahlt, da war das erste Empfinden häufig enttäuschend. In vielen Städten suchte man das Logo und die Fanartikel des jeweiligen Teams lange vergeblich. Auch Fanshops, die ich stets gerne aufgesucht habe, musste ich vielerorts erst lange suchen. So etwas kannte ich durch die Erfahrungen rund um meine Dortmunder Borussia nicht. In meiner Heimat läuft gefühlt jeder Zweite mit Trikots und Kappen des örtlichen Sportteams herum. Die Hälfte der Autos ziert das Logo eines lokalen Fußballteams.

Insofern ist das mit dem Druck und den großen Märkten aus meiner Sicht in Bezug auf die NHL halt so eine Sache. Natürlich gibt es auch in Übersee beim Eishockey große Unterschiede. Während das Franchise in Toronto, wie bereits erwähnt, durchaus das Stadtbild prägend und vor Ort stets ein Top-Stadtgespräch ist, musste ich in Los Angeles oder San Jose lange suchen, um überhaupt einen Einfluss des jeweiligen Eishockeyteams in der Stadt zu finden. Dementsprechend unterschiedlich sind auch das lokale Medieninteresse und der dadurch entstehende öffentliche Druck auf die Sportler sehr unterschiedlich ausgeprägt. In San Jose waren es kaum fünf Pressevertreter beim Training der Sharks, in Toronto ein Vielfaches davon. Grundsätzlich empfand ich die Größe der virtuellen Eishockey-Bühne im Vergleich zu anderen führenden Ligen in anderen Ländern vielerorts noch als ausbaufähig. Dass die unterschiedliche Intensität sich trotzdem völlig verschieden auf die einzelnen Spieler wirkt, sollte jedermann klar sein. Wer von seiner Persönlichkeit her als Eishockeyspieler die große Aufmerksamkeit sucht, der ist an Traditionsstandorten wie Toronto, Montreal oder auch New York sicherlich grundsätzlich besser aufgehoben als beispielsweise in Arizona, San Jose oder Anaheim. Den finanziellen Aspekt halte ich innerhalb der NHL dabei für nicht ganz so entscheidend, schließlich handelt es sich hier um ein quasi geschlossenes System, innerhalb dessen die Spieler ohnehin vergleichsweise leicht verschoben werden können. 

Christian Rupp: Zunächst mal muss ich Robin klar widersprechen: San Jose ist überhaupt kein kleiner Eishockey-Markt. Die Sharks haben viele begeisterte Fans und eine verschworene Hockey-Community. Die Spieler fühlen sich in Nord-Kalifornien nicht nur wegen des Klimas, sondern auch wegen der Stimmung pudelwohl. Zu den größten Eishockey-Märkten zählt Nord-Kalifornien dennoch nicht. In Kanada etwa ist Hockey viel größer: Spieler werden überall in der Stadt erkannt, nicht nur die Superstars, sondern auch die Jungs aus der vierten Reihe. Was Fußball in Deutschland ist, ist Eishockey in Kanada. 

Aber auch in US-Städten ist die Begeisterung groß - und das nicht nur an traditionellen Standorten wie Boston. Las Vegas galt doch lange als schwieriger Markt. Die "Stadt der Sünde", mitten in der Wüste Nevadas, wo sich nur Touristen und Event-Fans zum Eishockey verirren würden. Doch die Golden Knights bewiesen das genaue Gegenteil: Die Fans strömen auch aus dem Umland und angrenzenden Bundesstaaten zu den Golden Knights, haben eine innige Verbindung mit dem Hockey-Klub und verehren die Spieler wie Helden. Ich denke, kein Markt ist wie der andere - an jedem der 31 NHL-Standorte gibt es Besonderheiten, Eigenarten, Pros und Contras. Genau diese Vielfalt ist doch das Salz in der Suppe.

Christian Treptow: Ich halte es generell für sehr gewagt, von "kleinen Märkten" oder "kleinen Standorten" zu sprechen, sobald es um den nordamerikanischen Sportmarkt geht. Aber natürlich gibt es auch in den USA und Kanada Städte, die größer sind als andere. Der Großraum New York ist beispielsweise so riesig, dass er locker drei NHL-Teams verträgt. Damit ist selbstverständlich auch ein immenser Wettbewerb verbunden. Wäre es so einfach, in New York Meister zu werden, hätten die Rangers in der Vergangenheit deutlich häufiger den Stanley Cup gewonnen. Der Druck im Big Apple kann auch ein Hemmschuh sein. Und das in einer Stadt, in der alles andere als der Titel eine Niederlage ist. Das spüren auch die Teams in den anderen großen Sportarten.

Regelmäßig liefern können nur die New York Yankees in der Major League Baseball. Da haben es die Mannschaften in "kleineren" Standorten mit Sicherheit etwas leichter. In Raleigh sind die Carolina Hurricanes der Platzhirsch. In Winnipeg haben die Jets nur die Blue Bombers aus der Canadian Football League. Die Metropolregion Winnipeg hat über 700.000 Einwohner und ist damit vergleichbar mit Frankfurt. In Raleigh leben knapp 500.000 Menschen, in etwa so viele wie in Duisburg oder Nürnberg. Klar, da kann man in den USA von "kleinen Märkten" sprechen. Im Vergleich zu Deutschland ist es aber trotzdem eine andere Dimension. Und die Größe des Umfelds sagt noch lange nichts über die Begeisterungsfähigkeit der Fans aus. Das beweisen die Anhänger in Winnipeg bei jedem Heimspiel. Klar, ein großer Markt birgt grundsätzlich mehr Chancen, finanzkräftige Partner zu finden. Aber speziell das Beispiel New York Rangers hat in der Vergangenheit - auch schon vor dem Salary Cap - gezeigt, dass die teuersten Teams nicht zwingend auch die besten Mannschaften sind. Andererseits haben Teams aus "kleinen Märkten" in der Vergangenheit immer wieder überrascht.

Stefan Herget: Zunächst einmal Lob an die Kollegen für die fundierte Analyse. Ich kann noch mit einer kleinen Anekdote anschließen. Als die Los Angeles Kings im Jahr 2012 erstmals Stanley Cup Sieger wurden, war die Feier im Stadion ausgelassen und auch rund um die Arena zunächst viel los. Doch schon zwei Stunden nach dem Triumph waren die Straßen auch in der Nähe des Staples Centers wie leergefegt. Nichts war davon zu spüren, dass kurz zuvor historisches gelang. In Kanada undenkbar, denn das Land des Eishockeys sehnt sich schon seit 1993 (Montreal Canadiens) nach einem erneuten Stanley Cup Sieg. Schade und skandalös, wenn die Stimmung dann natürlich so in Gewalt und Ausschreitungen ausschlägt, wie bei den Vancouver Riots, wo sowohl 1994 (gegen New York Rangers) als auch 2011 (gegen Boston Bruins) in der kanadischen Stadt die folgende Nacht über Krawalle gab, als die Canucks das jeweilige Stanley Cup Finale verloren hatten. Das will natürlich keiner erleben und war auch für mich 2011 ein eindrückliches Erlebnis im negativen Sinn. Ich will es auch in keiner Weise verherrlichen und verurteile so etwas auf das Schärfste, aber es zeigt, dass Eishockey dort einen wesentlich höheren Stellenwert hat, wenn Chaoten diese Ereignis nutzen können, um abzuhausen.

Ich bin generell der Meinung, dass jeder NHL-Standort heute seine Berechtigung hat und die Expansion in den Süden tolle Früchte getragen hat. Dadurch wurde der Sport auch in diesen warmen Regionen populärer und wer weiß, ob es zum Beispiel einen Klasse-Spieler wie Auston Matthews aus Arizona heute in der NHL gäbe, wenn sich die Phoenix Coyotes im Jahr 1996 nicht dort angesiedelt hätten? Ein Jahr später wurde Matthews geboren und kam so intensiver mit dem Sport in Kontakt. Wie er selbst mehrfach betonte, hat das seine Entwicklung zu einem der besten Spieler der Welt maßgeblich geprägt.

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