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Imitation von Spielsystemen als Erfolgsrezept

Tampa Bay, Winnipeg und Las Vegas sind die erfolgreichsten Teams der Liga, doch ist die Spielphilosophie selbst entwickelt oder nur kopiert?

von Christian Göbel @DocGoebel / NHL.com/de Autor

An jedem Montag der Spielzeit 2017/18 beleuchtet NHL.com/de an dieser Stelle verschiedene Themen, die etwas abseits des täglichen Spielgeschehens liegen und den Puls der Liga im Hintergrund bestimmen. Sportliche Krisen, ein intensiverer Blick auf die aktuellsten Geschehnisse in der NHL und grundsätzliche Entwicklungen zählen dazu. Wir sorgen dafür, dass nichts davon unbeachtet bleibt.

Heute beschäftigen wir uns mit dem Spielstil von Teams und der Frage ob dieser selbst erfunden oder einem anderen Team nachgeahmt wurde.

In der NHL kommt es immer wieder vor, dass der Spielstil eines erfolgreichen Teams kopiert wird. Die Anaheim Ducks waren 2007 mit einer großen, schweren und hart spielenden Mannschaft erfolgreich. Daraufhin folgte eine Phase in der Liga, die von Tough Guys geprägt war. Der defensiv orientierte Ansatz war lange Zeit vorherrschend. Das Motto "Defense first" stand in den Büchern der GMs weit oben. Die Weiterentwicklung eines solchen Systems erfolgt schleichend. Jedes Jahr bringen Manager eines anderen Teams ihre eigenen Ideen in den jeweiligen Kader ein und verändern damit ein klein wenig die Spielidee. Doch das Grundprinzip bleibt gleich bis eine Mannschaft erfolgreich einen gänzlich anderen Weg einschlägt.

Bei den drei Top-Teams sind Parallelen zu den letzten Titelträgern erkennbar. Eine neue Philosophie hat Einzug gehalten und hat nur wenig mit jener der Ducks aus 2007 zu tun.

Drei Faktoren stechen hierbei besonders hervor.

Ausgeglichenheit ist Trumpf

Die Pittsburgh Penguins konnten den Stanley Cup 2016 unter anderem gewinnen, weil auch die vierte Reihe um Tom Kuhnhackl und Matt Cullen offensiv etwas beisteuerte. Kuhnhackl mit fünf Punkten und Cullen mit deren sechs waren keine reinen Zerstörer. Der Deutsche und der Amerikaner hatten neben der Defensivarbeit auch offensive Aufgaben zu verrichten - ein neuer Ansatz in der Liga. Die Zeiten in denen vierte Reihen aus den großen und bösen Spielern bestanden, die rein das Spiel des Gegners unterbinden und die Linien der anderen Mannschaft einschüchtern sollten, wurde durch die Penguins endgültig aufgebrochen. Auch die Chicago Blackhawks, die die Trophäe 2015 in die Luft recken durften, setzten schon auf ausgeglichenere Reihen. Ein Erfolgsrezept, dass auch bei den aktuellen Top-Teams erkennbar ist.

Die Winnipeg Jets setzen hierbei nicht auf eine immer in der gleichen Kombination spielende vierte Reihe, sondern rotieren und profitieren so von der Variabilität und Anpassungsfähigkeit ihrer Spieler. Alle Reihenkombinationen mit mehr als 100 Minuten Eiszeit, zehn Stück an der Zahl, konnten mehr Schüsse verbuchen als sie zulassen mussten. Die aktuelle vierte Reihe um Marko Dano, Matt Hendricks und Jack Roslovic erzielte in zusammen 62 Spielen immerhin schon sechs Treffer. Die Tampa Bay Lightning sind bekannt für ihren herausragenden Angriff um Nikita Kucherov und Steven Stamkos, doch auch beim Team aus Florida ist das Scoring der vierten Formation nicht zu vernachlässigen. Veteran Chris Kunitz, Cedric Paquette und Ryan Callahan testeten bereits sieben Mal das gegnerische Tornetz auf seine Haltbarkeit. Besonders der ligaweite Tabellenführer, die Las Vegas Golden Knights, besitzen äußerst potente Spieler in der Tiefe. Pierre-Édouard Bellemare, Oscar Lindberg, Will Carrier und der Tscheche Thomas Nosek teilen sich die Aufgaben und konnten sich zusammen bereits 16 Mal auf dem Spielberichtsbogen als Torschützen eintragen.

Geschwindigkeit und Größe

Die 2007er Ducks waren groß, defensiv stark, in der Zone vor dem Tor kompromisslos und in Zweikämpfen knallhart, doch sie waren auch langsam und unbeweglich. Ebenso erging es den Teams, die diesen Stil kopierten und irgendwann wurden die Nachteile durch Trainer und Manager erkannt. Besonders die Blackhawks steuerten in eine komplett andere Richtung und setzten zusätzlich auf kleine, wendige, trickreiche und schnelle Spieler, die offensiv denken und das gegnerische Team konstant unter Druck setzen. Der vermeintliche Nachteil im Zweikampf unterlegener kleiner Spieler wie Patrick Kane oder Andrew Shaw wurde 2013 durch zweikampfstarke, große aber ebenso technisch begabte Stürmer und Verteidiger wettgemacht. So ergänzten die Hawks Kane mit Patrick Sharp und Jonathan Towes, um eine der gefährlichsten Reihen der Liga zu generieren. Die Penguins von 2017 stellten mit einer Größe von im Durchschnitt 185,42 cm das achtkleinste Team der NHL und sicherten sich am Ende doch den Stanley Cup. Auch hier stehen kleingewachsenen Spielern wie Sidney Crosby, größere wie Evgeni Malkin gegenüber.

Las Vegas und Tampa Bay scheinen diesem Trend zu folgen. Die Golden Knights sind mit 185,36 cm, ebenso wie die Lightning mit 185,39 cm im Mittelfeld der Liga anzusiedeln. Vor allem die Bolts setzen im Sturm auf kleine Spieler, Alex Killorn ist mit gerade einmal 1,85 Meter Körpergröße der am höchsten gewachsene Angreifer. Die großen Verteidiger ziehen den Schnitt hierbei deutlich nach oben, wohingegen die Knights vorne und hinten ausgeglichener sind. Beide Ansätze scheinen aktuell zu funktionieren. Die Jets hingegen stellen das zweitgrößte Team der Liga, mit 188,16 cm überragen sie die beiden anderen Topteams um fast drei Zentimeter. Nur ein Spieler aus Winnipeg ist kleiner als 1,80m, Toby Enstrom mit 178 cm.

Video: OTT@WPG: Dano vollendet zur Führung der Jets

Puckbesitz als Erfolgsgeheimnis

"Offense wins games, defense wins championchips." lautet ein berühmter und vielzitierter Spruch. Lange Zeit galt dieser auch für die Spielidee der Stanley Cup Sieger, doch in den letzten Jahren hat sich ein Wandel vollzogen. Die 2015/16 und 2016/17 stark verteidigenden Washington Capitals konnten sich keinen Titel sichern, stattdessen wurden die Caps von Pittsburghs Angriff dominiert. Mit der stärkeren Fokussierung auf trickreiche und puckgewandte Spieler, stieg auch die Zeit in der das Team die Scheibe in den eigenen Reihen halten konnte. Der Corsi-Wert ist hierfür ein Anhaltspunkt. Ein Wert von über 50% bedeutet, dass das Team den Puck länger besaß als der Gegner.

Der Corsi bei gleicher Spieleranzahl, der vergangenen Titelträger zeigt, dass seit 2012, als die Los Angeles Kings den Cup holten, immer ein Wert von über 49,9% erreicht wurde. Die Penguins vom letzten Jahr mit 49,9% und Rang 17 ausgeklammert, waren sowohl Chicago (2013, 2015), Los Angeles (2012, 2014) als auch Pittsburgh (2016) unter den Top-Vier-Mannschaften in dieser Statistik. Auch die Ducks von 2007 standen auf Rang vier bei diesem Wert.

Ein Blick auf die aktuelle Saison zeigt, dass die Golden Knights, die Bolts und die Jets alle einen Wert von über 50% besitzen und somit häufiger den Puck haben als ihre Gegner. Pittsburgh (52,3%) und Chicago (53,6%) liegen aber deutlich vor den Top-Teams. Es kommt also auch darauf an, was mit dem Scheibenbesitz erreicht wird. Während Anaheim 2007 ihre Gegner vom eigenen Gehäuse fernhalten wollte, setzen die Top-Teams und Titelträger der letzten Zeit eher auf Puckpossesion, um Tore zu erzielen.

Winnipeg mit eigener Spielidee

Während bei den Golden Knights und den Lightning eine deutliche Kopie der Spielidee der Champions seit 2012 erkennbar ist, gehen die Jets eigene Wege. Ein größeres Team, dass trotzdem offensiv ausgerichtet ist und durch variabel kombinierbare Reihen die Konkurrenz vor defensive Probleme stellen kann, hatten die Jets schon letztes Jahr. Mit dem fünftjüngsten Team der Liga an den Start zu gehen, ist ein eigener Ansatz, der sich ebenso bezahlt macht, wie das Vertrauen in den 24-jährigen Goalie Connor Hellebuyck, der sein bestes Torhüteralter noch vor sich hat. Die dieses Jahr gestärkte Defensive, der junge Goalie und die ausgeglichene Offensive mit 12 Stürmern, die zehn oder mehr Punkte auf ihrem Konto haben, könnte, wenn weiterhin erfolgreich, einen neuen Trend einleiten, der die kleinen, schnellen, am Puckbesitz orientierten Teams die nächsten Jahre ablöst.

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